Versuch einer Einschätzung

(aus radikal und
zornig, 1987)

Nachdem wir schon in
der Vorbereitung der Demo maßgeblich und richtungsweisend beteiligt waren,
konnten wir auch schließlich mit einem selbstbewußten und ausdrucksstarken
autonomen Block aufwarten (Schätzungen liegen zwischen 3.500 und 5.000 großteils
Vermummter) und dem Redebeitrag auf der Straße Nachdruck verleihen. Autonome
Gruppen aus dem Bundesgebiet und deren sympathisierendes Umfeld demonstrierten
auf vielfältigste Weise politische Militanz (Transparente, Sprechchöre,
bonbonverschießende Riesenzwille, Wandsprühereien…). An Gebäuden
und Einrichtungen mit unzumutbar hohem provozierenden Charakter (CDU-Büro,
US-Kaserne, Nukem, Degussa) oder nach selbstherrlichen Lautsprecherdurchsagen
der Bullen (Bullenleitstelle im Nukemgebäude) wurde die Militanz berechtigterweise
auch mal praktisch und Steine bekamen schwarze Flügel. Aus diesen Aktionen
ergab sich keine

Gefährdung
der Demo als ganzes, und der gemeinsame Rückmarsch des ganzen Zuges
klappte erstaunlich gut. Die Größe der Demonstration, die hohe
Zahl der zur Verteidigung des Zuges bereiten, vor allem aber die Geschlossenheit
aller Teilnehmer machte eine Trennung von Militanten und Nichtmilitanten
für die Bullen unmöglich. Inwieweit der hessische schmierig-schleimige
„rot”-grüne Machtklüngel auf die Bullentaktik wirkte,
oder die Trägheit der Bullen vor der Entschlossenheit der Demoteilnehmer
und der Angst vor größerem Unheil herrührte, ist von uns
nicht zu beantworten. Auf jeden Fall wurden die Hanauer „Bürger”,
die uns ansonsten allerhöchstens aus ihren vielgeliebten Fernsehern
kennen, für kurze Zeit zumindest mit Inhalten konfrontiert, die über
ihre Scheinwelt aus Geldverdienen und –ausgeben hinausgeht. Schade
ist ganz klar, daß es nach Ende der Demo in der Innenstadt zu „Ausbrüchen
blindwütiger Gewalt” kam und völlig ungezielt irgendwelche
Scheiben eingeworfen wurden.
Abgesehen davon,
daß die Steine „richtige” Ziele hätten finden können,
stehen solche Würfe im Gegensatz zu autonomer Politik, wie sie auch
im Redebeitrag formuliert wurde. Hier muß eine intensive Auseinandersetzung
um die Zielgerichtetheit von Gewalt als Mittel geführt werden.
Der positive starke Ausdruck der Demo und vor allem der Zusammenhalt von
militanten und Nichtmilitanten kann durch solche „Fehlleistungen”
allerdings nur bei denen untergehen, die die autonome Bewegung als Störfaktor
und Gefährdung ihrer reformistischen Politik fürchten und dabei
vorsätzlich vertuschen, daß revolutionäre Gegengewalt erst
entwickelt und immer wieder neu diskutiert werden muß, gerade weil
sie sich nicht von Gesetzen, Parteiprogrammen oder Parlamentsdisziplin eingrenzen
läßt.