Vom Umkommen und vom Umbringen

Von Hartmut Barth-Engelbart
am Montag März 26, @12:53

Brief eines Lesers
zur Berichterstattung zum 9.11.2000
zum Diebstahl der Gedenktafel in Gelnhausen
zum Kommen und Bringen und Verlieren

Es mag ja sein,
dass manche in der Redaktion aufstöhnen und sagen oder denken: was schon
wieder ein Gedicht!?
Sei’s drum, damit muss ich leben, wenn Sie den Brief lesen, hat er bereits eine
wichtige Funktion erfüllt, denn es ist vor allem ein Brief an Sie!, wenn
sie ihn dann auch noch abdrucken, ……..

Auf jeden Fall wird
der Text (in modifizierter Form) im Prosa-Zyklus “Grenzgänger”
seinen Platz finden

Umgekommen
und verloren, gekommen und gebracht, Selbstmord oder Mord

am 18. November
2000 meldet das Gelnhäuser Tageblatt den Diebstahl einer bronzenen Gedenktafel
“für die in den Jahren 1933 bis 1945 umgekommenen Jüdischen Bewohner
der Stadt Gelnhausen”. Ebenso die Verschandelung zweier Parkbänke
mit Hakenkreuz und Hetzparolen. Für sachdienliche Hinweise (“auf Wunsch
vertraulich behandelt) setzt die Staatsanwaltschaft 2000 Mark Belohnung aus.
Und die Stadt, hat die Stadt da etwa gar nichts auszusetzen?
Zum Jahrestag der Reichspogromnacht ist in Gelnhausen völlig unüblich
etwas zur ERINNERUNG geschehen. Es wurde nicht überdeckt durch eine Jubelfeier
zum Fall der Mauer .
Die erste judenfreie Stadt im Reich beging ihr angemessen ein Jubiläum.

Die geistigen Anstifter,
die die Geister riefen damals wie heute, stehen geistig Schmiere damals wie
heute, brandmarken im Vorfeld bereits die Opfer damals wie heute, lassen die
von ihren Brandreden entflammten Strohköpfe Feuer legen und gehen dann
stiften, spurenverwischend und steuersparend, so oder so oder beides. Wer in
Zukunft stiften geht, macht den Weg frei von behindernden Opfern und ihren Ansprüchen.
Weltmarktdurchdringung zwischen Dollar,Yen und Rubel ohne Skrupel, zügel-
und reuelos. Die Asche der Opfer festigt so noch den deutschen Schritt und Tritt
auf dem vereisten Glacis der globalen Finanzmärkte.

Warum schreibt das
Gelnhäuser Tageblatt ,die jüdischen Bewohner seien umgekommen.
Umkommen kann man bei einem Autounfall, bei einem Hochwasser, einem Bahnunglück.
unter einer Lawine, in einem Orkan. Wenn der Obdachlose im Winter erfriert,
weil man ihn nicht ins Warme lässt, so handelt es sich hierbei im Zweifelsfalle
für den Angeklagten um ein Umkommen, um eine grobfahrlässige Körperverletzung
mit Todesfolge, wenn nicht vorsätzlich so doch wissentlich..

Das “Umkommen”
der jüdischen Bewohner Gelnhausens war jedoch keine Fahrlässigkeit,
keine Naturkatastrophe.
Könnte man schreiben, Aldo Moro ist durch einen Mord umgekommen, Schleyer
ist durch einen Mord umgekommen, könnte man schreiben, hunderte von Oborigines-Kindern
sind in den 50ern und 60ern des zwanzigsten Jahrhunderts in Australien durch
Weekend-Schießübungen englischer und deutscher Wirtschaftsasylanten
“umgekommen”?

Aber es sind doch
auch viele einfach verhungert, verarmt und deshalb verstorben, gestorben.
Sie wurden und werden verhungert, sie wurden und werden verarmt und es gibt
dafür Verantwortliche mit Namen und Adresse. Das ist kein Naturgesetz.
Es gibt Schleusserbanden, die haben von 33 bis 45 viel Leben gerettet, auch
für viel Geld und oftmals auch so brutal wie heute. “Casablanca”
schon vergessen: “Schau mir in die Augen, Kleines!”, Ich bin kein
Humphry Bogart. Mir schauen tagtäglich von staatlich bezahlten Abschieberbanden
bedrohte Kinder in die Augen. Was soll ich tun? Die Abschieberbanden, die es
auf dem Dienstweg, auf Befehl, für Geld, Karriere und Pension taten und
tun und die Banden der Schottendichter und Grenzschutz-Infratotschläger,
die die Opfer ihren Häschern und dem Verhungern ausliefern. Soll ich sie
auffordern, sich selbst strafzuverfolgen,

Es macht semantisch
einen feinen unterschied, ob ich niedergeschlagen bin oder wurde, ob ich verarme
oder verarmt werde, ob ich ausgehungert bin oder ausgehungert werde.

Der Gelnhäuser
Kfz-Meister, nennen wir ihn Breidenbach, ein durchaus gläubiger aber kein
orthodoxer Jude, verlor so um die 1938 seine Autowerkstatt, seine Tankstelle
und sein ganzes Anwesen. Wo hat er diese Sachen denn verloren? Bei einem Spaziergang
im Stadtwald? Beim Baden in der Kinzig, sinnvollerweise oberhalb der Gummifirma
Veritas, vor den Stauwehren, oder im Zug nach Frankfurt, im Gelnhäuser
Bahnhof unweit seines Autohauses. Vielleicht auf seinem Wegzug nach Frankfurt,
wie das die Hanauer Oberbürgermeisterin Härtel nennen würde?

Hat er sich nicht auf dem Fundbüro erkundigt?
Nein, hat er nicht.

Meister Breidenbach
hat auch sein Geld verloren. Es lag auf der Bank, daran konnte er sich erinnern.
Geld lässt man ja auch nicht auf irgendeiner Bank so herumliegen, kein
Wunder, wenn es da verloren geht. Erst neulich habe ich meine Asktentasche auf
einenr oder war es unter, es war unter einer Bank stehen lassen und , als ich
zurück kam war sie weg und der Foto und das Geld auch. Selbst schuld habe
icxh mir gedacht.
Und es war gar keine Bank, wo er das Geld vergessen hatte, es war die Kreissparkasse
Gelnhausen. Und als er seine Autowerkstatt, seine Tankstelle, sein ganzes Anwesen
nicht mehr finden konnte, weil man ihn nicht mehr dort hin ließ, suchte
er sein verlorenes Geld auf der Kreissparkasse, um seine jetzt einkommenslose
Familie mit dem Ersparten zu ernähren.

Doch das Ersparte
war weg. Die Kreissparkasse hatte sein Geldvermögen eingesäckelt und
Meister Breidenbach durfte Gelnhausen nicht mehr betreten. Er hatte dort nichts
mehr zu suchen. Jetzt konnte er es wirklich vergessen.
Seine Autowerkstatt, die Tankstelle, sein Anwesen hat ein arischer Konkurrent
kassiert.
Breidenbach “verlor” sein Autohaus an einen Gelnhäuser, nennen
wir ihn “Krempel”.
Bis heute hat der “Krempel” nicht nach Nachkommen der Breidenbachs
geforscht und sie für den “Verlust” entschädigt. Auch die
Kreissparkasse hat niemals einen Pfennig dafür verwendet, die Nachkommen
Breidenbachs zu suchen und ihnen ihr Geld zurückzuzahlen. Kann auch sein
, daß die Kreissparkasse die Rückgabe nur vergaß, weil es keine
Familie Breidenbach mehr gab, oder die Nachkommen, die vor den Gaskammern Überlebenden
hatten vergessen sich zu melden und dann waren die Fristen verstrichen und die
Sache verjährt ?

Wo haben denn die
Bürgermeister, die Landräte, die Aufsichtsräte und Geschäftsführungen
der Zwangsarbeitsprofiteure im Jubeltaumel der Nachkriegssiegesvereinigungsfeiern
oder wenigstens zwei Tage später alle bis dahin vorhandenen Opferlisten
abgearbeitet, alle nach mühsamer Suche erreichbaren Opfer angeschrieben
und sie auf den abgeschlossenen Zwei-plus-vier-Vertrag hingewiesen und dass
jetzt die Fristen für die Antragstellung auf Entschädigung anlaufen.
Sie sind haftbar für diese nicht erbrachte Bringschuld.

1990 schrieb die
Frankfurter Rundschau in einem Artikel über die Fahrt der Lina Hirchenhein
nach Auschwitz, der Steingutformer Karl Hirchenhein hätte 1939/40 seinen
Arbeitsplatz verloren. Auf dem Weg zur Arbeit? Nach Feierabend? Im Wald zwischen
Schlierbach und Neuenschmidten, vielleicht beim illegalen Einschlagen eines
Weihnachtsbaumes? Nein, er hat seinen Arbeitsplatz verloren, er weiß nicht
mehr wo, aber warum, das konnte er schon wissen, weil er immerzu an seine Lina
und nicht an seinen Arbeitsplatz dachte. Karl wollte sich nicht von Lina trennen,
der Vierteljüdin, und da konnte sein Chef und Fürst von Isenburg im
Interesse der Geschäftsentwicklung nicht mehr so gut auf den Arbeitsplatz
des kleinen Steingutformers achten. Da ging er dann halt verloren. Hirchenhein
hätte ja auch selber besser aufpassen können, dann hätte er ihn
nicht verloren. Dieser Schussel! Jetzt musste er einen neuen finden. Und das
war nicht leicht in der harten Zeit während der letzten Kriegsjahre. Und
er hat denn nun ja auch beides verloren, den Arbeitsplatz und seine Lina. Hätte
ja nur eins von beidem sein müssen. Wenn er Vernunft angenommen hätte.
Das hat ihm sein Chef oft genug ausrichten lassen oder auch mal selbst gesagt,
denn der Fürst, der Patriarch hat sich wie ein Vater um seine Leute gekümmert.
Oder war es doch nicht so, war der Chef ein anderer und der Fürst gar nicht
in Schlierbach, in der Wächtersbacher Steingutfabrik?
Egal, nach so vielen Jahren kriegt man das nicht so genau auf die Reihe.

Aber dass er den
Arbeitsplatz verloren hat, das stimmt, und auch, dass der Fürst ihn nicht
länger halten konnte, das hat man so erzählt, er hätte ihn noch
lange gehalten, bis es nicht mehr ging, Natürlich war der Fürst kein
Nazi, nein, der war Christ und Geschäftsmann . Die HJ rückte doch
gegen seine (längst nicht mehr geltenden) Grenzsteine mit Hammer und Brecheisen
aus und sang dabei die eine oder andere Strophe des Florian Geyer: “Wir
sind des Geyers schwarzer Haufen eija ohey, wir wolln mit Pfaff und Adel raufen…”.
Die Ehe mit einer Viertel- oder Achteljüdin war für den Fürsten
kein Grund den Arbeitsplatz eines Gefolgsmannes aus den Fingern gleiten und
verlieren zu lassen. Aber da gab es auch die NSBOs, die nationalsozialistischen
Betriebsobmänner, wenn die Meldung erstatteten , dass der Fürst einen
solchen weiterbeschäftigte, und wenn das der Reichswirtschaftsführer
Kaus in seiner Residenz, dem ehemaligen Gewerkschaftshaus in Hanau erfuhr, dann
gabs für die fürstlichen Domänen und Industriebetriebe auch keine
Zwangsarbeiter mehr und keine Aufträge der KdF und anderer NS-Großorganisationen
über die Lieferung von beispielsweise Steingutgeschirr. Der Fürst
hat es sich bestimmt nicht leicht gemacht, bevor er Karl Hirchenhein seinen
Arbeitsplatz verlieren ließ.

Das haben sogar
die evangelischen Pfarrer bestätigt. Schließlich waren die Isenburger
auch Kirchenpatrone und sind es bis heute. So oder so ähnlich muss es gewesen
sein und vieles davon war auch genau so.
Karls Lina ist nicht umgekommen in Auschwitz, nein sie hat die Katastrophe überlebt
und ihren Karl auch. Um sie herum sind Millionen umgekommen. Sind die in die
KZs gekommen oder wurden sie in die KZs gebracht? Da gibt es einen kleinen unterschied
zwischen kommen und bringen. Sind Siebenmillionen umgekommen oder sind sie umgebracht
worden?
Sind die letzten Juden aus Lieblos ins Getto nach Frankfurt gekommen oder wurden
sie nach Frankfurt gezwungen, zur Flucht gezwungen, waren sie verarmt oder wurden
sie verarmt, haben sie ihr Hab und Gut verloren oder wurde es ihnen genommen,
geraubt? Mussten sie es für einen Apfel und kein Ei verkaufen? Haben sich
viele der so traktierten Juden das Leben genommen oder wurden sie in den Tod
getrieben, war es Selbstmord oder Mord, wenn sich der Arzt Dr. Schwab aus dem
Fenster des Gestapogebäudes in Hanau stürzte.

DIE Oberbürgermeisterin
von Hanau sagte bei der Kundgebung zum Jahrestag der Reichspogromnacht im Jahr
2000, die jüdische Gemeinde sei zwischen 33 und 45 “durch Wegzug immer
kleiner geworden”. Weggezogen sind sie also. Die Bilder vom Hanauer Hauptbahnhof
sind dann nach Auffassung der OB Bilder eines Umzugs? Eines Massenumzugs?
Eines Massenwegzugs. Es war ein langer, noch kein Trauerzug, ein Zug ins noch
Ungewisse. Wegzug? Sie hatten nichts mehr zum ziehen, die kleinen Leiterwagen
wurden ihnen weggenommen, die brauchten sie nicht für das versprochene
neue Leben im Osten. Das war kein Zug, sie zogen nicht zur Rampe zu den Güterzügen,
das war Auftrieb, das war wegschlagen, das war wegtreten, das war wegmorden,
das war Treibjagd, das war wegplündern, das war wegbrennen.
Und die OberBürgermeisterin aller Weinvolksbürgerfeste, die Schunkelmeisterin
aller Hanauer OberBürger erzählt im moderaten Plauderton vor einer
auch dazu schweigenden Menge nach Ablass anstehender anständiger Standortoptimierer
und Westenweißer: die jüdische Gemeinde sei durch Wegzug kleiner
geworden. Warum hat da keiner aufgeschrieen.

Die Juden sind weggezogen

Die Juden sind umgekommen
Die Juden haben ihren Arbeitsplatz verloren
Die Juden haben Hab und Gut verloren
Sie haben Angehörige verloren
Sie haben Eltern verloren
Sie haben Geschwister verloren
Sie haben Kinder verloren
Sie haben ihre Zeit verloren
Sie haben ihre Jugend verloren

Sie haben hier nichts
verloren
Sie haben hier nichts zu suchenSie haben hier nichts zu suchen
sagte mir der Archivar
der Firma Veritas
Auf der Suche nach der Wahrheit
bin ich bei der Veritas
an der falschen Adresse.
Wie viele verloren
dort ihr Leben
und das ihrer Leibesfrucht
Wie viele haben ihre Kinder verloren?
Verloren?
NS-Ärzte trieben sie ab
gegen den Willen der Frauen
auf Antrag der Firma Veritas
Sie wollte keine Sekunde
ZwangsArbeitszeit
für die Rüstungsproduktion
verlieren