Revolution in Hanau

 

Zum ersten Mal in
der Geschichte der grenzenlos wollen wir in dieser Ausgabe in die Tiefen der
Hanauer Geschichte hinabsteigen – oder auf ihre Höhen hinauf, wie auch
immer.

 

Beim Lesen über
diese alten Zeiten kommt uns vieles befremdlich vor, manches können wir
aus unserer heutigen Sicht nicht nachvollziehen, manchmal bleiben uns die kämpferischen
Worte fern. Oft bleibt keine klare “Lehre” aus der Geschichte zu ziehen.
Wir können nur Momente einfangen, Geschichten sammeln auf die wir uns beziehen
und die zeigen, daß zu allen Zeiten Menschen gekämpft haben um ein
anderes, ein besseres Leben, um Menschenrechte, Brot und Selbstbestimmung. Wenn
wir uns damit beschäftigen, nehmen wir uns die Zeit, darüber nachzudenken,
was wir selbst heute bereit sind zu investieren, um unser Leben und unsere Stadt
selbstbestimmt zu gestalten.

 

Die Ereignisse um 1918 in Hanau wirken nur im gesamten Zusammenhang der sich
damals überschlagenden Ereignisse. Zu den Hintergründen lest deshalb
den nebenherlaufenden Kasten.

 

Mit Sicherheit
können auf zwei Seiten nur Situationen angerissen werden, sie sollen Gelegenheit
geben, reinzuschnuppern und einen ersten Eindruck zu gewinnen.

 

(Alle folgenden Zitate sind aus dem Buch “Revolution in Hanau 1918/ Herausgeber:
Hanauer Kulturverein” entnommen.)

 

Die Revolutionstage
kamen heran. Schwüle Luft überall. Das Gewitter zog immer bedrohender
herauf. Am 7.November schon war das Proletariat Hanaus Sieger und hatte die
Macht in den Händen.

 

Am 7.November 1918
kam es während einer Stadtverordnetenversammlung zum Aufstand. Der Zuhörerraum
war schon vorher überfüllt und die Stimmung aufgeheizt. Als die Stadtverordneten
aus dem Saal flüchteten wurden sie auf dem Marktplatz schon von einer grossen
Masse mit roten Fahnen begrüsst. Es kam zu einem gewaltigen Demonstrationszug
durch die Stadt. Regierungsrat Schmid setzte alles in Bewegung um den Aufstand
zu ersticken, doch die Soldaten weigerten sich gegen die ArbeiterInnen vorzugehen.

 

Am 8.November wurde der Arbeiter- und Soldatenrat eingesetzt. Der Arbeiterrat
bezog die Räume des Landratamtes. In derselben Nacht wurde folgender Aufruf
an die Bevölkerung Hanaus erlassen:

 

An die Bevölkerung
Hanaus

Die fürchterlichen
Ereignisse, die durch die Schuld der Herrschenden über das deutsche Volk
hereingebrochen sind, haben in dieser Nacht zur Bildung eines Arbeiter- und
Soldatenrates geführt. Eine neue Zeit bricht an. Die Ideale, für
die die besten Männer und Frauen des Proletariats litten und starben,
sollen ihrer Verwirklichung entgegengeführt werden. Um dieses Ziel zu
erreichen, verlangen wir Vertrauen von der gesamten Bevölkerung. Grosse
Aufgaben liegen vor uns. (…) Folgt daher allen Anweisungen und Beschlüssen
des Arbeiter- und Soldatenrates. Denkt daran das alles was wir tun für
das Volk und durch die frei gewählten Vertreter des Volkes getan wird.(…)

 

Jeder der
uns hilft, das neue Werk der Freiheit, die Entwicklung zum sozialistischen
Bruderbund zu fördern, ist uns willkommen. Alle Beamten und Offiziere,
die unseren Anweisungen Folge zu leisten gewillt sind, bleiben in ihren Stellungen.
Sie unterstehen der Aufsicht des Arbeiter- und Soldatenrates. Es lebe der
Frieden, es lebe die Freiheit, es lebe die sozialistische Republik!

 

Hanau, den
8.November 1918

Der Arbeiter- und Soldatenrat

i.A. Friedrich Schnellbacher

 

An die Bevölkerung
auf dem Land wurde ein ähnlicher Aufruf erlassen mit Bitte der Solidarisierung
und der Mithilfe bei der Neugestaltung.

 

 

Am 13.November wurde
der Hanauer Anzeiger vom Reaktionsblatt zum Revolutionsblatt umgewandelt. Der
ehemalige Geschäftsführer Ewald versuchte alles dies zu verhindern.
Er wurde später auch einer der Hauptbelastungszeugen im Prozeß gegen
die “Rädelsführer”. Im Hanauer Anzeiger erschien dann auch
gleich folgende Verordnung der Arbeiter- und Soldatenrates:

 

In allen
Betrieben, Werkstätten und Büros sind höchstens 8 Stunden täglich
zu arbeiten, gegen Weiterzahlung des seitherigen Lohnes, einschliesslich der
Teuerungszulagen, Entlassungen von Arbeitskräften sind verboten. (…)
Weiterhin sind sämtliche Arbeitgeber verpflichtet, allen Arbeitskräften,
die zur Zeit dem Arbeiter- und Soldatenrat zur Verfügung stehen, den
entgangenen Arbeitsverdienst vom 8.November bis einschließlich den 16.November
vorläufig weiterzuzahlen. (…) Sämtliche Fabriken und Betriebe
haben die zurückkehrenden Kriegsteilnehmer wieder einzustellen.

 

Dies ist nur ein
kleiner Auszug. So wurde zum Beispiel die Erwerbslosenfürsorge erweitert,
Entlassungsverbote ausgesprochen und Feiertage, die auf einen Wochentag fielen
mußten vom Arbeitnehmer bezahlt werden.

 

Es war klar, daß die Unternehmer dies nicht hingenommen haben und die
Verordnungen nicht einhielten. Daraufhin gab es am 31.Dezember eine Massendemonstration
gegen die Willkür des Unternehmertums in Hanau und Umgebung.. Es waren
massenhaft rote Fahnen und Plakate mit folgenden Inschriften zu sehen: “Die
ganze politische Macht den Arbeiter- und Soldatenräten!”
; “Das
Gebot der Stunde fordert die Bezahlung der gesetzlichen Feiertage!”
;
“Steht geschlossen hinter den Arbeiter- und Soldatenräten!”

 

Unter Hochrufen
auf die Internationale, die sozialistische Republik und auf Liebknecht und Luxemburg
zog die Demonstration durch Hanau. In einer Resolution hieß es:

 

“Die
heute am 31.Dezember 1918, vormittags 10 Uhr zu vielen Tausenden versammelten
Arbeitslosen, Kriegskrüppel und noch in den kapitalistischen Betrieben
beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen stehen fest auf dem Boden der
Revolution und erkennen nur den Arbeiter- und Soldatenrat als einzige höchste
politische Gewalt im Stadt- und Landbezirk Hanau an, dessen Anordnungen restlos
Folge geleistet werden muß. (…) die Versammelten geloben, treu und
opferbereit für den Sozialismus zu kämpfen und etwaigen neuen Unterdrückungs-
und Knebelungsversuchen sich mit ihrer ganzen Person entgegenzustellen.

 

Seit dem 3.Dezember
wurde vom Arbeiter- und Soldatenrat eine Schutzwehr eingesetzt, da es immer
mehr Gerüchte über Putschversuche gab. Der Schutzwehr gelang es einen
groß angelegten Putschversuch von Regierungssozialisten unter Führung
der aktiven Offiziere zu vereiteln. In den Landbezirken und in Hanau selbst
wurde eine Verleumdungshetze gegen den Arbeiter- und Soldatenrat gestartet.
Hier ein kleiner Auszug von Plakaten:

 

Gegen den
Terrorismus der Spartakusleute in Hanau! In Hanau herrscht zur Zeit der Spartakusterror,
wie man ihn sich radikaler nicht denken kann. Eine kleine Schar ausgebrochener
Fanatiker beherrscht die Stadt und bedroht unsere neue Regierung auf das schärfste.
Schwere Eingriffe in die persönliche Freiheit, die Freiheit der Presse,
die Rechtspflege, das Postgeheimnis und das Wirtschaftsleben sind an der Tagesordnung.
(…) Eine rote Garde von einigen hundert Mann, die sich zum Teil aus schwer
vorbestraften und willenlosen Menschen zusammensetzt, bildet die Macht, auf
die sich die wenigen Gewaltherrscher stützen.(…) Daher hat die Regierung
Ebert-Scheidemann den Befehl erteilt, die Spartakusbewegung nieder zu werfen,
wie sie es in diesen Tagen in Berlin zur Ausführung gebracht hat….

 

Nachdem die Regierung
Ebert-Scheidemann in Berlin gegen die Arbeiterräte mobil machte, wurde
auch Regierungsrat Schmid in Hanau mit allen Mitteln wieder aktiv. Bestärkt
durch außen sollte Militär Hanau besetzen und der Soldatenrat am
16.Januar abdanken. Das Eintreffen der Nachricht von der Ermordung Karl Liebknechts
und Rosa Luxemburgs führte zu Trauer und Wut der Massen.

 

Die Arbeiter
verließen die Fabriken, stürmten das Zeughaus und bewaffneten sich.
Hanau war in ein großes Heerlager verwandelt. Man war bereit den Sturz
des Arbeiter- und Soldatenrates mit allen Mitteln zu verteidigen. Glücklicherweise
rückten keine Truppen in Hanau ein. Es wäre ein Kampf auf Leben
und Tod des Arbeiter- und Soldatenrates entstanden.

 

Doch die Unsicherheit
nach dem Tod Liebknechts und Luxemburgs nahm zu und die Regierung Ebert-Scheidemann
ging mit brutalen Mitteln gegen die Revolution vor. Die Arbeiterräte wurden
im ganzen Land immer mehr entrechtet. Am 25.Januar legten die Mitglieder des
Hanauer Arbeiterrates ihre Ämter mit folgender Erklärung nieder:

 

Nachdem die
Regierung Ebert-Scheidemann sich mit dem Blute der Berliner revolutionären
Arbeiterschaft befleckt hat, nachdem eine reaktionäre Verordnung die
andere ablöst (u.a. Herabsetzung der Erwerbslosenunterstützung in
Verbindung mit Arbeitszwang, völlige Ausschaltung der durch die Revolution
erworbenen Rechte, Wiedereinsetzung der Offiziere in die alten Vorrechte u.a.m.)
sehen wir uns schon aus Reinlichkeitsgründen gezwungen, einen dicken
Trennungsstrich zwischen uns und die Regierung zu ziehen. Wir lehnen aus diesen
und anderen Gründen jede weitere Verantwortung zwecks Sicherung der Ordnung
ab. Die uns treue Arbeiterschaft wird diesen Schritt begreiflich finden; die
Anhänger der Scheidemanngruppe mögen nunmehr für alle weiteren
Verschlechterungen und die Vergewaltigung der Revolution sich bei ihren Vertrauensleuten
in der Regierung bedanken. (…) Offiziell hat der engere Vorstand, genannt
Exekutive, seine Tätigkeit schon am Freitag den 18.Januar 1919 eingestellt,
weil ein weiteres Arbeiten mit seinem Gewissen und seiner politischen Ehre
nicht zu vereinbaren war. Die Revolution ist nicht tot, sie marschiert! Die
wirtschaftlichen Verhältnisse werden die Arbeiter zwingen, den Kampf
erneut aufzunehmen. Wir werden uns jederzeit zur Verfügung stellen, die
Revolution vorwärts zu treiben und den Siegeszug vollenden helfen. Der
Tag der Abrechnung wird kommen! Seien wir gerüstet!

Der Arbeiterrat/i.A.
Friedrich Schnellbacher

 

aus: Grenzenlos
Nr. 7, April 2002