Nationalstolz
und Nation: Beurteilung und Funktion

Etwas was wir als
Kinder lernen mussten war, dass wir in einer Welt aufwachsen, die durch Grenzen
in verschiedene Zonen eingeteilt ist.

Die meisten Kinder nahmen das dann einfach so hin. Die Nation und ihre Grenzen
wurden also zur Normalität.

Ich fand das aber nicht normal.

Später wurde mir klar, wozu diese Grenzen da zu sein scheinen. Die Menschen,
die ausserhalb dieser Grenzen leben und geboren werden, sollen nicht hierher
kommen. Denn Deutschland ist reich. Und der Großteil, der Menschen der
Erde, ist arm. Und die sollen nichts von „unserem“ Reichtum haben.
Denn der gehört „uns“ ganz allein. Ziemlich egoistisch so was…
Die nennen das aber nicht so, sondern sagen, „Wir haben uns das erarbeitet.“
Und wieder dieses „uns“ und „wir“. Das hat anscheinend
eine besondere Bedeutung.

Wenn die Nationalmannschaft gewinnt, heißt es „wir haben gewonnen“.
Schon kleine Kinder machen dabei mit. Ich glaube, sie wären gerne so, wie
die Fussballspieler. Sie sind es aber nicht. Genauso wie die „stolzen“
Deutschen, nicht so toll sind, wie ihr Bild von Deutschland.

Den Reichtum sollen
„wir“ uns „erarbeitet“ haben …

Ich erinnere mich,
dass Deutschland vor knapp 70 Jahren Zwangsarbeiter versklavt hat. Es hatte
auch einige wenige Kolonien, die es ausbeutete und so seinen wirtschaftlichen
Vorsprung auf andere Länder ausdehnte. Die westlichen Mächte unterwarfen
Afrika und teilweise Asien und Südamerika und beuteten sie aus. Das führte
zu einem erheblichen Wachstum des westlichen Reichtums und zu einer Versklavung
und Unterversorgung der ausgebeuteten Länder. Dadurch wurden die Kolonialmächte
noch wettbewerbsfähiger. Die heute armen Länder wurden in ihrer Entwicklung
nicht nur gestoppt, sondern in die Armut geschleudert. Folge war, dass die Wirtschaft
armer Länder von westlichen Unternehmen oder Staaten beherrscht oder kontrolliert
wird. Die Unternehmen beuten die Ressourcen dieser Länder aus und benutzen
die billigen Arbeitskräfte, um die einfachen, anspruchslosen Arbeitsschritte
durchzuführen. Die anspruchsvolleren Arbeitsschritte werden im Industrieland
durchgeführt. Die Fertigprodukte werden dann teilweise wieder in den armen
Ländern verkauft, vor allem aber in den Industrienationen.

Unter anderem weil Deutschland meinte, in der kolonialen Aufteilung der Welt
zu kurz gekommen zu sein, hat es die zwei Weltkriege angezettelt. Das war auch
die Zeit, in der Deutschland am stolzesten war. Die Herrschaft über die
armen Länder hat sich aber gewandelt. Kolonien werden abgeschafft. An die
Stelle der kolonialen Abhängigkeit trat die finanzielle Abhängigkeit.
Die Industrienationen gaben Kredite an die schwachentwickelten Staaten, deren
Zinsen von diesen Staaten kaum noch aufgebracht werden können. Über
Kreditvergabe und Teil-Schuldenerlass werden die Abhängigen heute gesteuert.
Das nennt mensch dann „zivilisiert“.

Und auch haben nicht
die Menschen den Reichtum geschaffen, sondern das war das System. Unsere Vorfahren
wurden erheblich ausgebeutet. Sie hatten erstmal nichts von dem Reichtum, denn
ihnen wurde nur ungefähr ihr Lebensunterhalt gezahlt. Plus einen Aufschlag,
damit sie genug Geld hatten, um „neue Arbeiter“ zu erzeugen. Profitiert
haben die Ausbeuter: die Unternehmen und der Staat. Freiwillig haben das unsere
Vorfahren nicht getan. Es sei denn, sie sind auf den Scheiß reingefallen,
den die Mächtigen ihnen wahrscheinlich vorgegaukelt haben. Dass der Reichtum
ihnen sei. Dass sie Teil eines reichen und stolzen Landes sind. Dafür lohnt
es sich dann auch, zu arbeiten oder in den Krieg zu ziehen… Diese Unterdrückten
hätte es wahrscheinlich zu sehr geschmerzt, ihre eigene Ausbeutung zu sehen.
Da ist es doch viel attraktiver, sich als Teil der Macht und des Reichtums zu
sehen. Später, wie auch heute, profitieren die Arbeiter in den Industrienationen
von der wirtschaftlichen Entwicklung und der Ausbeutung der abhängigen
Länder.

Der Nationalstolz
hat eine besondere Funktion: Wenn ich schon nicht stolz auf etwas sein kann,
was ich erbracht habe, dann bin ich doch wenigstens stolz Deutscher zu sein.
Hinter dieser Identifikation treten die eigenen Unzulänglichkeitsgefühle
in den Hintergrund. Und mit der Glorifizierung Deutschlands, werden alle Unzulänglichkeiten
der BRD aus dem Bild gefegt. Und Kritik an Deutschland wird so zur Kritik am
Menschen, der sich mit seinem Land identifiziert.

Verbunden mit Nationalstolz, scheint ein verlorenes Verantwortungsbewusstsein
für die Mitmenschen zu sein, die außerhalb Deutschlands leben. Der
Rest der Welt wird ausgeschlossen. Aber nicht nur die Welt, sondern auch die
Menschen in der BRD, die nicht ins Bild des stolzen Deutschlands passen. Das
geht oft soweit, dass diese Menschen gar nicht als Teile der Gesellschaft angesehen
werden, sondern als „gesellschaftsschädliche Elemente“. Doch
jeder Obdachloser, Drogenabhängiger oder psychisch Kranker ist ein Symptom
dieser kranken Gesellschaft.

Das verlorene Verantwortungsbewußtsein verhindert auch, dass die Menschen
merken wie egoistisch sie sind. Denn er/sie ist ja gar nicht für verhungernde
Menschen in Afrika verantwortlich ! Egoistisch ist das insofern weil er/sie
hier im Reichtum lebt, während woanders Menschen verhungern.

Also: Wer sich mit
Deutschland identifiziert, akzeptiert das Konstrukt der Nation, das die Menschen
spaltet. Nationale Identifikation begünstigt Ausgrenzung und den Verlust
der Solidarität zu allen Menschen. Wer stolz auf Deutschland ist, ist ein
meist selbstsüchtiger Mensch, der unfähig ist auf andere Weise mit
seinen Minderwertigkeitsgefühlen umzugehen.

Nationalstolz bedeutet Abwertung. Denn er erhöht unrealistisch und unkritisch
die eigene Nation. Was die relative Abwertung von anderen Nationen zufolge hat.
Nazis leiten aus ihrem Deutsch-Sein sogar ab, dass sie mehr wert seien und mehr
Rechte verdient hätten als Nicht- Weisse/Deutsche. Auch die Mehrheit der
Deutschen scheint der Meinung zu sein, dass Ausländer nicht die Rechte
der Deutschen verdienen. Das demokratische Recht zu leben, wo mensch will, gilt
nur für EU-Staatsangehörige. Die andern werden aus der BRD abgeschoben.
Nur in Fällen von staatlicher Verfolgung aus politischen Gründen,
dürfen sie bleiben. Aber das müssen sie erstmal dem Richter beweisen.
Deutsche Rechte aber, werden Ausländern nicht zugestanden. Die Ausgrenzung
durch die Regierung geht sogar soweit, dass z.B. Schwule, die in ihrem Heimatland
wegen ihrer Homosexualität mit dem Tode bestraft werden, abgeschoben werden.
Und es kam auch schon vor, dass das Auswärtige Amt Algerien in den Asylvorgaben
als nicht im Bürgerkrieg einstufte. Während es gleichzeitig in seiner
Funktion als Tourismus-Beratung davor warnte, nach Algerien zu reisen, da dort
Bürgerkrieg herrschen würde.

Durch diese Asyl- oder besser: Abschiebepolitik, werden den Menschen ihre Menschenrechte
abgesprochen. Statt dessen sieht es so aus, als würden die juristischen
Rechte im Herkunftsstaat als Maßstab angesehen werden. Denn „es
ist ja normal für die, mit solchen Gesetzen zu leben“.

Aber Werte von Gleichberechtigung
kennen keine Grenzen. Wir sind eine Gesellschaft. Wir haben eine Verpflichtung
gegenüber unseren Mitmenschen. Die auch dann bestünde, wenn wir unseren
Reichtum wirklich verdient hätten…

aus: Grenzenlos
Nr. 3, Mai 2001