Das Ende
der Arbeit!

 

Mit seinem Plädoyer
gegen die Faulheit hat Gerhard Schröder eine neue Diskussion über
die Arbeit angezettelt. Bei ihm, wie auch in der folgenden Diskussion, werden
Arbeitslose als Schmarotzer dargestellt, die sich auf den Mitteln vom Arbeitsamt
ausruhen und ein Leben auf die Kosten anderer führen. Allerdings wird Arbeit
von der Wirtschaft in dem Maße nicht mehr benötigt, mehrere Millionen
Arbeitslose scheinen dies zu beweisen. Die Zeiten, in denen jeder Mensch 40
Stunden die Woche arbeitet und es trotzdem ein Überangebot an Arbeit gibt,
sind vorbei. Der globalisierten Wirtschaft, geprägt von Automatisierung
und Rationalisierung, ist menschliche Arbeit in vielen Fällen einfach zu
unrentabel. Nach wie vor wird die gleiche Menge an Arbeit, oft allerdings von
Maschinen, verrichtet und es werden nach wie vor horrende Gewinne eingefahren.
Das erklärte Ziel der Politik und der Gesellschaft lautet jedoch Vollbeschäftigung.
Ein Mensch wird über Arbeit definiert, nur die Arbeit macht ihn zu einem
vollwertigen Bestandteil der Gesellschaft. Schließlich sichert die Arbeit
auch das Überleben der Menschen, arbeitende Menschen finanzieren durch
ihre Steuern den Staat. Allerdings setzt das voraus, daß an der Arbeit
und der Produktion viele Menschen verdienen. Der Trend geht jedoch in eine andere
Richtung. Immer weniger ist die Wirtschaft darauf angewiesen, den Profit zu
verteilen. Immer weniger Menschen besitzen einen größeren Teil des
Reichtums.

 

 

 

Doch immer noch
wird Vollbeschäftigung als Lösung dargestellt. Doch wie sieht der
Alltag von vollbeschäftigten Menschen aus?

 

 

Der größte
Teil der Massen, die sich allmorgendlich in Richtung Ballungsgebiete bewegen,
ist sicher nicht erfüllt von Vorfreude auf die kommende Arbeit. Sie sind
müde und gestreßt, und es bleibt neben der Arbeit kaum noch Zeit,
das Leben zu genießen. Auch die gerade mal 6 Wochen Urlaub im Jahr dienen
wohl vor allem der Regeneration zum Erhalt der Arbeitskraft. Trotz alledem scheint
jeder froh zu sein, überhaupt Arbeit zu haben.

 

Wer jedoch profitiert
von der geleisteten Arbeit? Der Mensch wird als Produzent und als Konsument
gebraucht. Der Lohn, der ein Bruchteil des Profits ist, den die Firma durch
die Arbeit macht, wird allein durch horrende Mieten oder hohe Lebenshaltungskosten
wieder aufgefressen.

 

 

 

 

Die wirklichen
Profiteure der Arbeit sind die Firmen, deren einziges Ziel kompromißlose
Gewinnmaximierung ist. Durch Automatisierung und ein Überangebot an ArbeiterInnen
können die Firmen die Bedingungen diktieren, unter denen gearbeitet wird.
Nach den Gesetzen des Marktes heißt das, daß arbeitende Menschen
immer mehr gezwungen sein werden, ihre Arbeitskraft deutlich unter Preis zu
verkaufen. Schließlich ist es natürlich die Traumvorstellung der
Unternehmen, sich aus einem Überangebot der ArbeiterInnen die besten herauszupicken,
die dann natürlich trotzdem mit minimalen Rechten für einen Hungerlohn
arbeiten müssen. Der Einschnitt in die Rechte arbeitender Menschen wird
momentan mit zunehmender Tendenz durchgeführt. Gerade in der momentanen
Debatte um die Faulheit wird immer wieder darauf hingewiesen, daß jeder
Job zumutbar ist, und schließlich immer noch besser ist als arbeitslos
zu sein. So schießen immer mehr Zeitarbeitsfirmen aus dem Boden, die genau
dieses Prinzip verkörpern. Dadurch, daß der Vertrag mit der Zeitarbeitsfirma
und nicht mit der Firma abgeschlossen ist, bei der dann wirklich gearbeitet
wird, fallen bei der Firma alle Pflichten gegenüber den ArbeiterInnen.
So kann die gesetzlich vorgeschriebene Probezeit unbeschränkt ausgedehnt
werden, da die Firma von einem Tag auf den anderen das Recht hat, den Vertrag
mit der Zeitarbeitsfirma zu kündigen. Bei Krankheit schickt die Zeitarbeitsfirma
Ersatz, die Ware “Arbeit” ist immer uneingeschränkt verfügbar.
Auch ein Arbeitsausfall durch Streik kann nicht vorkommen, da auch in diesem
Fall Ersatz geschickt werden muß.

 

Zeitarbeitsfirmen
liefern den Unternehmen also die perfekten ArbeitnehmerInnen, die nie ausfallen
und außerdem ständig gebucht werden können, wenn sie gebraucht
werden ohne das für die Firma hieraus Pflichten entstehen würden.
Alle Pflichten der Arbeitgeber werden übernommen, die ArbeitnehmerInnen
bezahlen, da ein Teil des für ihre Arbeit bezahlten Lohns von der Zeitarbeitsfirma
einbehalten wird. Zeitarbeitsfirmen bedeuten also Ausbeutung pur. Die Firmen
haben minimales Risiko, während der Arbeitnehmer alle negativen Begleiterscheinungen
zu spüren bekommt die Arbeit bieten kann. Aber was tut mensch nicht alles
für einen Job, und sei er noch so scheiße?

 

 

Der Mensch wird
hier zum reinen Mittel zum Zweck. Für reibungslosen Ablauf wird gesorgt,
wichtig ist es “Verantwortung für diese Gesellschaft zu übernehmen”
und seinen Teil zum Wohlstand Deutschlands beizutragen. Dies scheint einfach
nur dadurch möglich zu sein, jeden morgen aufzustehen um sich für
irgendein beliebiges Unternehmen den Buckel krumm zu schuften.

Die Arbeit sichert doch vor allem den Profit der Unternehmen und dient nicht
im entferntesten dem Allgemeinwohl. Die Folge des erwirtschafteten Profits sind
steigende Aktienkurse und scheint alles zu sein, wofür der Mensch existiert.
Die Wirtschaft ist schon lange nicht mehr da um den Menschen zu dienen, sondern
die Menschen sind dafür, die gigantische Maschinerie der Wirtschaft zu
betreiben.

 

 

Kann es denn Wege
geben, sich diesem System der Ausbeutung zu entziehen? Gründe dafür
gibt es schließlich genug, schließlich gibt es viele Alternativen,
die attraktiver erscheinen als 40 Jahre des Lebens arbeitend für den Gewinn
einer anonymen Firma zu verbringen.

 

 

Von Sozialhilfe
über die Runden zu kommen gestaltet sich als extrem schwierig. Erstens
sind die Sätze oft extrem niedrig, so daß vielen keine andere Möglichkeit
bleibt als das wenige Geld durch Schwarzarbeit aufzubessern. Außerdem
werden Leistungen schnell gestrichen, wenn mensch sich weigert unzumutbare Jobs
wie zum Beispiel bei Zeitarbeitsfirmen anzunehmen oder Zwangsarbeiten für
die lächerliche Belohnung von 2-3 DM anzunehmen. Auf diesem Wege ist der
Arbeitsgesellschaft also kaum zu entkommen. Mehr dazu im Schwerpunktartikel
dieser Ausgabe.

Die Debatte um die Faulheit zeigt erneut, daß der Blickwinkel der Betrachter
entscheidend ist. So wird nicht die gesellschaftlich notwendige Arbeit verrichtet,
sondern es wird möglichst gewinnbringende Arbeit verrichtet. Würde
die Arbeit auf das wirklich notwendige Maß reduziert, zum Beispiel durch
bessere Organisation, so wäre es sicher möglich, daß 4 Stunden
tägliche Arbeit entfallen könnten. Dies ist aber nicht das Ziel, das
immer noch maximalen Profit (Unternehmen) oder Vollbeschäftigung (Regierung,
Parteien und Gewerkschaften) lautet. Warum fragen wir uns nicht einmal, um wen
es geht, um die Wirtschaft oder den Menschen. Wenn jetzt allgemein die Hetzjagd
auf alle eröffnet wird, die sich “ in der Arbeitslosigkeit einrichten
” und somit nicht ihrer ersten Bürgerpflicht, der Arbeit, nachkommen
und sogar härteste Zwangsmaßnahmen gegen diese Menschen gefordert
werden, ist auch für uns alle der Moment gekommen, uns der Arbeit als einzigem
Lebenszweck zu verweigern.

 

 

aus: Grenzenlos
Nr. 3, Mai 2001