Autonomes
Männerplenum

 

Mitte / Ende der 80er
Jahre gab es im Haus für ca. 1 Jahr ein Männerplenum, an dem regelmäßig
15-20 Männer teilnahmen. Diskutiert wurde ganz allgemein über männliches
Rollenverhalten. D. h., Mann setzte sich auseinander mit seinem Mackerverhalten
in seinen Liebesbeziehungen, aber auch in Diskussionen auf autonomen Plena, B-
Räten, etc. innerhalb der Metzger. Also ging es auch um die Sozialisation
des Mannes, die allzu oft geprägt war, von einem traditionellen Verständnis
der Geschlechterrollen und ebenso einseitigen Erziehungsmethoden.

 

Aber wie
kam es eigentlich dazu, dass sich jetzt einmal die Metzgermänner
zusammensetzten, obwohl es doch bisher immer nur eine Menge an Frauengruppen
im Haus gab? Die Forderung nach einer männerinternen Auseinandersetzung
kam genau von diesen, den Frauen:

 

Damals setzte
sich die Szene bundesweit mit der „Hausfrauisierungsdebatte”
(begründet durch die Bielefelder Schule um Claudia Werloff) auseinander.
Die zentrale Frage dieser Debatte war: „Inwieweit fließt die
unbezahlte

 

Hausarbeit in die
Mehrwertbildung ein?” Begriffen wurde die Hausarbeit als indirekter Anteil
an der Mehrwertbildung, da sie den Arbeiter für den Produktionsprozess fitmachte.
Warum sollte diese Arbeit also unbezahlt bleiben und auch in Zukunft nicht entlohnt
werden? Es bestand folglich die Forderung nach einer gesellschaftlichen Aufwertung
der Hausarbeit.

 

Autonome Frauen
und Männer beschäftigten sich mit dieser Emanzipationstheorie und
waren sich einig diesen Missstand gemeinsam zu bekämpfen. Im Verhalten
der Männer klaffte jedoch ein Widerspruch zwischen theoretischem Geschwafel
und praktischer Umsetzung des Gesagten. Männer dominierten solche Diskussionen
mit theoretischen Ausführungen bezüglich der Emanzipation der Frau
und Bekennungen zum Feminismus, in der Praxis waren aber männliche Macker-,
Imponier- und Dominanzverhalten weiter auf der Tagesordnung. Hinzu kamen Fälle
von Gewalt und sexueller Nötigung in partnerschaftlichen Beziehungen. Kurz
um: es fehlte an Selbstkritik und daran, das Gesagte am eigenen persönlichen
Beispiel umzusetzen! Ein Großteil der Frauen reagierte auf die sich abzeichnende
Heuchelei, indem sie ihre eigene Unterdrückung seitens der Metzgermänner
während Diskussionen thematisierten und zum Gegenstand ihrer Kritik machten.
Dominantes Gesprächsverhalten, männliches „Sich- in- Szene-
setzen”, sowie theoretische Auseinandersetzungen, die letztendlich nur
die Profilierung als guter Redner bezwecken sollten, wurden angekreidet. Außerdem
machten Frauen die Missstände ihrer Partnerschaften öffentlich: z.B.
die männliche Ignoranz gegenüber der Hausarbeit, fehlendes Einfühlungsvermögen
für die Bedürfnisse der Partnerin oder das Verprügeln dieser,
sowie sexuelle Nötigung bis hin zur Vergewaltigung . Solche Schweinereien
wurden aus dem privaten Raum der Partnerschaft in die Öffentlichkeit der
Metzgerstraße gebracht und dort thematisiert, indem beispielsweise offene
Briefe aufgesetzt wurden , durch die entsprechende Männer und deren Verhalten
geoutet wurde. Ebenso wurden die Problematiken in Diskussionen, wie z.B. auf
autonomen Plena, angesprochen und kritisiert.

 

Ein Großteil
der Männer war allerdings vorerst nicht in der Lage (oder gewillt dazu?!)
entsprechendes Verhalten zu ändern, d.h. einen selbstkritischen Umgang
mit der Rolle als Mann zu finden. Ein Protest der Frauen hingegen war, Diskussionen
und Plena zu verlassen. Frau war nicht mehr bereit mit diesem Haufen von Pseudo-
Polit- Mackern politische Auseinandersetzungen zu führen, geschweige denn
Aktionen zu gestalten und stellte die ultimative Forderung nach Veränderung.
So kam es gezwungener Maßen auch zum ersten Männerplenum. Die Frauen
verließen die Diskussionsrunde und ließen den Männern, konfrontiert
mit Sexismusvorwürfen, Raum zum persönlichen Hinterfragen es eigenen
Verhaltens. Diese Situation der unfreiwilligen Zusammenkunft unter Männern
ist ebenso bezeichnend für die Atmosphäre diese ersten „Männerplenums”.

 

Auf Druck der
Frauen war Mann das erste Mal unter sich und konnte nichts mit sich anfangen.
Verdutzt saß die Gruppe verlassener Männer da und war wie sooft,
wenn es um Selbstkritik und Verbalisieren eigener Gefühle ging, sprachlos.
So war das prägende Gefühl der ersten Männerplena wohl Unsicherheit.
Unsicher, weil Mann sich zur Beschäftigung mit sich selbst gedrängt
fühlte und unsicher, da die Auseinandersetzung an sich Schwierigkeiten
bereitete. Bisher nur gewöhnt, wenn überhaupt, über Gefühle
mit der jeweiligen Partnerin zu sprechen, war es jetzt notwendig unter Männern
einen Austausch über Gefühle und Erfahrungen, sowie eine kritische
Reflektion über diese zu führen. Mann hatte Angst sein Fühlen
gegenüber anderen Männer zu verbalisieren, weil Mann in diesem
weniger eine Vertrauensperson als vielmehr einen Konkurrenten sah.

 

 

Wichtig zu beachten
ist, dass das anfängliche Männerplenum auch immer ein Plenum blieb,
und sich folglich nicht zu einer homogenen Gruppe entwickelte. Dies mögen
einerseits die bereits angesprochenen Ängste und Unsicherheiten verhindert
haben. Andererseits setzte sich das Männerplenum aus einer Vielzahl von Männern
unterschiedlichen Alters, mit sich unterscheidender sozialen Herkunft sowie Reflektions-
und Kommunikationsfähigkeit zusammen, deren einzige Übereinkunft in
der gemeinsamen Gestaltung des Freiraums Metzgerstraße und diffuser, sich
wiederum unterscheidender Radikalopposition gegen den Kapitalismus, lag. So kam
die Intensität der Auseinandersetzung mit männlicher Identität
über ihre Ansätze hinaus. Trotzdem: Der anfänglichen Unsicherheit
und Angst sich zu öffnen folgte Neugierde auf die Erfahrungen anderer Männer
mit ihrer Geschlechterrolle und Lust darauf, die eigene männliche Sprachlosigkeit
zu überwinden, um sich seiner Identität als Mann zu nähern.

 

So entstand ein
regelmäßiges Treffen, dessen Inhalte sich weitestgehend an den von
den Frauen formulierten Vorwürfen orientierten. So war sexuelle Nötigung
seitens des Mannes ein Thema, welches beispielsweise die Frage nach dem Beginn
einer Vergewaltigung stellte. Ist das Überreden und Überzeugen der
Partnerin zum gemeinsamen Sex schon Nötigung oder Beginn einer Vergewaltigung?
Dem Mann haftete das Stigma des potentiellen Vergewaltigers nicht zuletzt aufgrund
seines fehlenden Gespürs und unzureichenden Einfühlungsvermögens
für die Bedürfnisse seiner Partnerin an. Mann setzte sich auch mit
seiner wenig ausgeprägten Sensibilität für das Gesprächsinteresse
anderer auseinander.

 

Nicht endende
Monologe in politischen Diskussionen zu führen, sich selbst gern
reden aber anderen nicht zuhören zu können und die Unart immer
alles kommentieren zu müssen, waren Vorwürfe der Frauen, über
die im Männerplenum gemeinsam reflektiert wurde.

Ebenso thematisierten
Männer dort die Orgasmusfixiertheit des Mannes, in der ein Grund
für die Problem in zwischengeschlechtlicher Sexualität gesehen
wurde. Ist ein Orgasmus beim gemeinsamen Sex überhaupt notwendig

oder
ist dieser auch ohne den Höhepunkt in der Erregung des Mannes zu gestalten?
Und wenn ja, welche sind dann andere Bedürfnisse des Mannes während
des Sex? An diesem Punkt stieß Mann erneut auf seine Unfähigkeit zu
sprechen, eben diese Bedürfnisse und Gefühle während des Liebesaktes
zu formulieren.

 

Im Männerplenum
entstand also eine gemeinsame Reflektion über die eigene Männerrolle
in Bezug auf männliches Diskussions- und Partnerschaftsverhalten, Sexualität
und männliches Gewalt- und Aggressionspotential.

 

Einen Erfahrungsaustausch
gab es auch über männliche Sozialisation, d.h. über die traditionelle
Erziehung als Junge. Folglich sahen sich Männer mit einer anerzogenen Gefühllosigkeit
konfrontiert, die durch folgendes entstand: Mann hatte nicht zu weinen, Mann
sollte sich bedingungslos überall durchsetzen und so Gefühle wie Trauer
und Scham zu übergehen oder mit Zorn abzuwähren; aus dem dann wiederum
destruktive Aggression entstehen kann.

 

Das regelmäßige
Tagen des Männerplenums trug Früchte: Es wurde wieder gemeinsam
diskutiert und sich mit der Zeit wohl auch wieder angenähert und
neues Vertrauen geschöpft. Mann hat durch das Erzählen und Austauschen
unter Männern sicherlich große Schritte in seiner Emanzipation
machen können. Sicherlich haben sich Männer auch einmal nicht
nur als Konkurrent, sondern vor allem als Mitmensch, Gesprächspartner
und Freund kennen lernen und erleben können. Vertrauen konnte sich
unter Männern bilden und Gefühle gezeigt werden.

 

Männer
betraten gemeinsam Neuland: Sie setzten sich mit ihrer männlichen
Identitätsfindung auseinander und hatten die Möglichkeit ihre
Erfahrungen des Männerplenums als Anstoß für ein langfristiges
Hinterfragen der männlichen Rolle zu nutzen.