150 Jahre nach der Revolution

Straßenkämpfe in Hanau

 


Wo
die Jahnstraße

in den Carl-Diem-Weg mündet

In
wilden Bocksprüngen kreuz und quer durch die Geschichte des Turnens

(Hanau,
März 1998 – Neue Hanauer Zeitung 102 – von Hartmut Barth-Engelbart)

 

 

Bevor die geneigten
LeserInnen der Neuen Hanauer Zeitung auf den naheliegenden Gedanken kommen,
daß die Redaktion jetzt regelmäßige Sportseiten einrichten
will, möchten wir erläutern, warum in der NHZ so ausführlich
über die Geschichte der Turn- und Sportvereine berichtet wird. Besonders
im 150. Jubeljahr der bürgerlichen Revolution von 1848. Nicht verwundern
wird es die LeserInnen, wenn wir dabei auch auf Artikel jener “Hanauer
Zeitung” aus den 48ern des letzten Jahrhunderts zurückgreifen, an
deren damalige Ausrichtung die NHZ seit ihrem Erscheinen vor 16 Jahren anknüpft.

 

Die in der ersten
Hälfte des 18. Jahrhunderts gegründeten Turnvereine der Region Hanau
waren wie nahezu alle im deutschsprachigen Raum damals entstandenen Turnerriegen
sowohl Sammelbecken als auch Ausgangspunkte, besonders aber Diskussions- und
Propagandaforen für die revolutionär-demokratische Bewegung, die sich
die Erkämpfung der Republik zum Ziel gesetzt hatte. Ohne die Turner hätte
es 1848 keine Revolution gegeben. Ohne die in ihren Vereinen versammelten Linken
keine Demokratische Entwicklung und Tradition in Deutschland.

Der Zusammenschluß und die enge Zusammenarbeit der Turnvereine im deutschsprachigen
Raum, die politische und militärische Kraft der Turnerbünde waren
das politisch-organisatorische und logistische Rückgrad der 48er Revolution.

Ihre politische Zwiespältigkeit, ihre Zusammensetzung aus kleinbürgerlichen,
proletarischen und bürgerlichen Schichten waren aber auch ein entscheidender
Grund für das Scheitern der 48er Revolution.

 

Die Turnvereine
waren nicht von Anfang an ein Hort demokratischer Umtriebe. Sie waren zunächst
Sammlungspunkte für “die nationale Erhebung gegen ausländische
Unterdrückung”, geprägt durch den nationalen Vorturner Friedrich
Ludwig Jahn und die Burschenschaften. Oder aber auch ganz unpolitische “Nur-Turnvereine”
meist der gehobenen Bürger und ihres studierenden Nachwuchses.

Spätestens jedoch seit 1830 änderte sich die soziale Zusammensetzung
der Turnvereine. Gesellen und Arbeiter, kleine Handwerker stellten die Mehrheit.
Die Heilige Allianz trieb mit den Karlsbader Beschlüssen und der “Demagogenverfolgung”
politisch Interessierte in die Turnvereine, weil politisch-demokratische Vereinigungen
verboten waren. Das prompt erfolgende Verbot des Turnens und vieler Turnvereine
unterstützte die Politisierung der Turner. Die Nachrichten von den Aufständen
in Paris, in Brüssel, in Warschau, in Braunschweig, die Zollunruhen in
Hanau, die Bauernaufstände in Oberhessen und der Provinz Hanau prägten
mit ihren politischen Forderungen zunehmend den Charakter der Turnvereine.

 

Grundlegende Forderungen
und Ziele der Hanauer Turner von 1848 sind bis heute noch nicht durchgesetzt,
noch nicht erreicht.


Ziele und Forderungen, die angesichts der aktuellen Entwicklung in Deutschland,
in Europa und darüber hinaus wieder auf die Tagesordnung gesetzt sind:

Freiheit, Gleichheit, Brüder- und Schwesterlichkeit,


Proletarier aller Länder


von Indonesien über Frankreich bis nach Hanau


vereinigt euch.


Europa wird unter der Leitung des neu-groß-deutsch-nationalen geschäftsführenden
Kohl-Ausschusses des Kapitals für dessen Zwecke vereinigt und bereinigt.
Die Parallelen zur Einigung des deutschen Reiches von 1848 bis 1870/71 sind
überdeutlich. Begleitumstände und Zielsetzungen dieses Einigungsprozesses
stehen damals wie heute im krassen Gegensatz zum Interesse des gemeinen Volkes,
das in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts begann, sich um die Forderung
nach einer “sozialen Republik” zu sammeln und dafür zu kämpfen.
Heute sind es Forderungen nach einem sozialen Europa in einer sozialen und ökologischen
Weltwirtschaftsordnung, die in den europäischen Kleinstaaten die Menschen
in Bewegung bringen. Der Widerstand gegen diesen Prozeß und den dazugehörigen
sozialen und ökologischen Kahlschlag aus Maastricht und aus Bonn kommt
in Deutschland erst zaghaft zustande.

Und wieder ist es Frankreich, sind es französische Arbeiter von denen wir
lernen können, lernen sollten, wie damals 1789, 1830, 1870/71, 1968 und
verschiedene Male dazwischen, denn alle Höhepunkte haben ihre Vorlaufzeiten.

 

Es lohnt sich, von
den 48ern zu lernen, vielleicht noch mehr als von den 1918ern und bestimmt einiges
mehr als von den 68ern.

 

Es hat lange gedauert,
bis die Hanauer Tunrngemeinde von 1837 politisch auf den Hund gekommen ist.
Ob es die Turmer waren oder die Sozialdemokraten im Stadtparlament, die die
Straße an der Sportanlage im Tümpelgarten zum “Carl-Diem-Weg”
machen wollten, läßt sich nicht eindeutig klären. Aktenkundig
ist nur der Beschluß des Magistrats vom 18.11.1963, der diesen Namen wählt,
“um die Erinnerung an einen bedeutenden deutschen Sportfunktionär
zu bewahren”, der sich um “die Verbreitung des olympischen Gedankens
verdient gemacht” habe und “im In- und Ausland hochgeachtet wurde
und heute noch geachtet wird.” So biegt heute der “Carl-Diem-Weg von
der “August-Schärttner-Straße” ab.

Mag sein, daß die Angestellten im Liegenschaftsamt nicht mehr so genau
wußten, wer Carl Diem war. Mag sein, daß einige sozialdemokratische
Stadtverordnete es auch nicht mehr wußten. Aber der damalige Oberbürgermeister
Herbert Dröse und mit ihm die gesamte akademische erste Reihe in der Hanauer
SPD, die Gewerkschafter unter der Stadtverordneten hätten es wissen können,
wissen müssen. Die Taufe ging damals widerstandslos durch alle Instanzen.
Ob sich bei den Jusos oder beim VVN etwas regte, ist unbekannt. Und wenn, wurde
es nicht vermerkt, 7 Jahre nach dem KPD-Verbot, mitten im kalten Krieg, zwei
Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer. Da wurden schon wieder wehrhafte Jungturner
im Diemschen Geiste gebraucht.


Dazu später näheres.

 

 

Zunächst weiter
zu den Hanauer Straßenkämpfen:

 

Daß man im
Hanauer Stadtteil Lamboy-Tümpelgarten von der Friedrich-Engels- über
die Karl-Marx-Straße in die August-Schärttner-Straße fahren
kann, vorbei an Straßen, die nach Sozialdemokraten und (anderen) Widerstandskämpfern
benannt sind, erinnert daran, daß Hanau eine revolutionäre und linke
Vergangenheit hat. Gerade das Arbeiterwohnviertel Lamboy und das in den fünfziger
und sechziger Jahren errichtete Tümpelgartenviertel waren Hochburgen der
linken SPD und der KPD.

Straßennamen können Geschichte erzählen.

 

 

Noch besser teilt
sich die Geschichte durch die Straßentaufen, die Umbenennungen und ihren
Zeitpunkt mit.

 

1948/49, im Jahr
des 100. Revolutionsjubiläums, nennt das Hanauer Anzeigenblatt, der Vorläufer
des “Hanauer Anzeiger”, noch eine “Ernst-Thälmann-Straße”
im Lamboy. Die heutige Dartforder Straße wurde 1945 nach dem kommunistischen
Parteivorsitzenden und Widerstandskämpfer benannt. Die Nationalsozialisten
hatten ihn im KZ ermordet. Im November 1954 stellte der “Zentralverband
der Sowietzonenflüchtlinge” den Antrag, die Straße in “Berliner
Straße” umzutaufen. Die Stadt lehnte zunächst aus Kostengründen
ab. Dann beschloß die Stadtverordnetenversammlung am 3.8. 1955 bei nur
einer Stimmenthaltung einstimmig die Umbenennung. Daß sozialdemokratische
Stadtverordnete dafür stimmten, ist noch nachvollziehbar. Warum aber auch
kommunistische Stadtverordnete ein Jahr vor dem KPD-Verbot dem zustimmten, läß
sich nur noch damit erklären, daß bereits vor dem KPD-Verbot kommunistische
Funktionsträger bei häufigen Festnahmen in der Polizeistation in der
Marienstraße (dem heutigen Staatlichen Schulamt in der Bott-Straße)
ähnlich mißhandelt und unter Druck gesetzt wurden, wie 15 Jahre vorher,
als sie von der Nazi-Polizei im Frohnhof hinter der Polizeistation zusammengeprügelt
wurden.

 

Sehr kämpferisch,
wenn auch nicht straßenkämpferisch ging es bei der Taufe der Jahnstraße
zu. Die ehemalige “Maulbeer-Allee” wurde 1902 in “Jahnstraße”
umbenannt. Gerade hatte der deutsche Generalfeldmarschall von Waldersee mit
einer vereinigten westlichen Streitmacht den chinesischen Boxeraufstand niedergeschlagen.
Der deutsche Kaiser zeigte kolonialpolitisch die Krallen und rasselte wieder
mit dem Säbel Richtung Frankreich. Der 310. Bismarkturm im Reich wurde
enthüllt. Auch die Turner waren im deutsch-nationalen Taumel. Sie tauften
ihre Halle und ihre Straße nicht nach dem revolutionären Demokraten
und späteren Kommunisten Schärttner sondern nach dem Monarchisten
Friedrich Ludwig Jahn.

 

Wie nun aber die
Hanauer Turngemeinde auf den Hund bzw. auf den Nazi Carl Diem als Namenspatron
für ihre Straße kam, ist eine lange Geschichte.

 

Diem hat als oberster
Sportfunktionär im Nazireich die Berliner Jugend im Olympia-Stadion noch
1945 auf die Verteidigung des “Tausendjährigen Reiches” in einer
gigantischen Schau eingeschworen, als die faschistische Reichsführung sich
bereits vor den anrückenden Panzern der “Roten Armee” in ihren
Bunkern verkroch.

 

 

Daß Karl Diem
nach dem Krieg nicht weit entfernt von Adenauers Bonn und seinem mit Altnazis
gespickten “Amt Blank” in Köln die deutsche Sporthochschule aufbauen
konnte, Stifter des goldenen Sportabzeichens und oberster Sportfunktionär
der Bundesrepublik wurde, ist nicht verwunderlich.

 

In den ersten Jahren ihres Bestehens war diese Sporthochschule mit fast ebenso
vielen Altnazis besetzt wie die bundesdeutsche Justiz und die Bundeswehr.


Alle Turn- und Sportvereine waren entweder durch die Nazis arisiert und auf
nationalsozialistische Partielinie eingeschworen worden oder steckten bereits
vor 1933 in tief brauner deutschnationaler Suppe. Viele waren schon lange vorher,
1870/71, mit fliegenden Turnerfahnen unter die preußisch-reichsdeutsche
Pickelhaube geströmt.


Die überlebenden Sport- und Turnidole der frühen Bundesrepublik waren
ehemals Hätschelkinder und Propagandisten der Nazis: Sepp Herberger, Max
Schmeling….. Die Sportlehrer, die Trainerkader, die Aktiven waren alle durch
die militärische, paramilitärische und politische Schulung der NSDAP
und ihrer Unterorganisationen gegangen.

 

Nur in wenigen Bereichen
des Sports gelang es kurz nach dem Krieg den einfachen Turn- und Sportvereinsmitgliedern
an demokratischen Traditionen wieder anzusetzen, bzw. sie wieder auszugraben.

 

Am leichtesten gelang
dies den ehemaligen Arbeitersportvereinen, die sich während der Sozialistenverfolgung
unter Bismark zwischen 1871 und 1900 gebildet hatten. Sie waren lange ein Reservoir
für die linken Parteien gewesen, spielten zum Teil in der 1918er Revolution
und im Widerstand gegen die Nazis eine entsprechende Rolle.

Nach dem Krieg hat sich besonders im Bereich des Radsports die revolutionär-demokratische
und linke Tradition gehalten. Bis in die 80er Jahre gab es in der Bundesrepublik
zwei Radsportverbände, zwei deutsche Meisterschaften, in jeder Disziplin
zwei deutsche Meister. Der deutsche Radsportverband DRV und der Solidaritätsverband.
Überall, wo es Radsportvereine des Solidaritätsverbandes gab, waren
gleichzeitig auch Hochburgen der KPD und nach deren Verbot der DFU (Deutsche
Friedens Union), der DL (Demokratische Linke) und später dann der DKP und
anderer kommunistischer oder linkssozialdemokratischer Vereinigungen. Die Schwerpunkte
des Solidaritätsverbandes lagen im Westen in Schwaben, Württemberg,
Hessen, Saarland und im Ruhrgebiet. Bis in die 70er Jahre organisierte der Solidaritätsverband
Gesamtdeutsche Meisterschaften. Oft wurden die Veranstaltungen polizeilich observiert,
DDR-Radsportler und Funktionäre wurden vorübergehend festgenommen,
die mit Bundes- und DDR-Fahnen geschmückten Hallen von der Polizei geräumt.
Der Autor war selbst Zeuge bei mindestens drei solcher Aktionen allein 1967
im Raum Heilbronn (, wo es im Gegensatz zu Hanau offenbar eine ungebrochene
demokratische Tradition der Turn- und Sportvereine seit 1948 gegeben hat. Die
Heilbronner Turner waren 1848 zusammen mit den Hanauern unter August Schärttner
den Badischen Revolutionären zu Hilfe geeilt.).

 

Mit allen polizeilichen
Mitteln wurden die Sportler des Solidaritätsverbandes bei ihren Aktivitäten
behindert. Es gab keine öffentlichen Zuschüsse, Hallen wurden gesperrt,
vereinseigene Hallen wegen “Baufälligkeit” geschlossen. Mit größten
Schikanen ging die Bundesrepublik gegen die westdeutschen Teilnehmer der “Internationalen
Friedensfahrten” vor, an denen zum Beispiel namhafte niederländische,
italienische und französische Radsportler ohne jegliche Probleme teilnehmen
konnten.

Erst mit dem Zerbröseln der Altlinken Ende der 70er Jahre konnte es dem
bürgerlichen DRV und mit ihm dem Deutschen Sportbund gelingen, den Solidaritätsverband
zur Aufgabe und zu seiner Auflösung in den DRV zu bringen.

 

“Was, bitte,
hat das alles mit der Jahnstraße zu tun?”, fragt die genervte NHZ-Leserin.

Gemach, gemach wir kommen gleich zur Sache, obwohl wir schon mitten drin sind.

 

Es geht nicht um
das Seitpferd und den Barren, das Reck, den Kasten und die Ringe, es geht um
die Kavallerie und den Barras, um tapfere Recken und Wehrertüchtigung,
um die militärische Sicherung deutscher Kapitalinteressen.

 

Von Martin Luther
mit dem Turnvater Jahn, über Bismark, Willem zwo, Ludendorf und Hindenburg,
geradewegs zu Diem und Hitler mitten in das Amt Blank, die Bundeswehr, die militärische
Absicherung vitaler deutscher Interessen und die nationalistische Propaganda
von CDU und “Republikanern”.

 

Turnvater Jahn war

von Anfang an ein glühender Gegner der demokratischen Republik, der Welschen,
des französischen, der Roten.

Der zentrale Satz seines politischen Bekenntnisses in seinem Hauptwerk “Das
deutsche Volkstum” lautete: “Gott segne den König, erhalte Zollerns
Haus, schirme das Vaterland, mehre die Deutschheit, läutere das Volk von
Welschsucht und Ausländerei, mache Preußen zum leuchtenden Vorbild
des deutschen Bundes, binde den Bund zum neuen Reich…”

 

Friedrich Ludwig
Jahn hat dies in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben, 1810,
zu einer Zeit, als der napoleonische Revolutionsexport zur reinen Unterdrückung
entartete und so den Interessengegensatz zwischen Bürgertum, Kleinbürgern
, Gesellen und Arbeitern und Bauern auf der einen Seite und Fürsten und
ihrem feudalen und klerikalem Anhang auf der anderen Seite zukleisterte.

 

als die Überwindung
der Kleinstaaterei für das aufstrebende Bürgertum und das die engen
Grenzen sprengende erstarkende Kapital zur grundlegenden Voraussetzung seiner
Entwicklung wurde.

 

Jahn war für
die allgemeine Volksbewaffnung, um das Volk nicht etwa gegen die Fürsten,
sondern gegen Napoleon und alles Welsche wehrhaft zu machen. Er lobt in seinen
Abhandlungen über die “deutsche Turnkunst”, daß in den
Befreiungskriegen “alle wehrhaften Turner ins Feld” zogen.

Sobald die Turner sich aber gegen ihre Unterdrücker im Inneren mit Waffengewalt
gegen Waffengewalt zur Wehr setzten und “die Fürsten zum Land hinaus”
jagen wollten, wie es in einem populären Lied der 48er heißt, schäumt
Jahn vor Wut gegen die Revolutionäre:

“Wer aber darum sich zu einer Rotte verschwören, damit Aufstand, Aufruhr
und Empörung anzetteln und so einen besseren Zustand durch Sünde und
Blutschuld hervorbringen will – den muß man wie einen Unsinnigen bemitleiden,
und äußert sich sein Wahn in Wuth, sogleich als einen Rasenden an
Ketten schließen.”

 

Martin Luther, der
Jahn mit einem tiefsitzenden Antisemitismus verbindet, hat 300 Jahre vorher
ähnliches, nur mittelalterlich drastischer gegen die aufständischen
Bauern im deutschsprachigen Raum geschleudert: “Man soll sie wie tollwütige
Hunde schlagen, rädern und vierteilen!” Die gleichen Bauern, für
die er eine Leitfigur in ihren Aufständen war, so wie Jahn für die
revolutionären Turner es in der 48er Revolution zunächst auch gewesen
ist.

 

Die Hanauer Turner
und mit ihnen alle demokratisch eingestellten Turnvereine haben ihrem Turnvater
“Verrat an der Freiheit”, an der Sache der Republik vorgeworfen. Zu
unrecht!

 

Tatsächlich
hatten sie ihn teils falsch verstanden, aber mehr noch hatten sie sich von ihm
wegentwickelt. Was er ihnen in seiner “Schwanenrede” auch vorhält.

Jahn stand für Burschenschaften und gehobenes Bürgertum, denen er
mit seinem “Deutschen Volkstum” aus der Seele schrieb, gegen Völkerverbrüderung
und “französische Gleichmacherei” und gegen die im französischen
Exil sich formierenden Kommunisten und ihre Vorgänger wie den “Bund
der Gerechten”. 1848 schrieb er an Emilie Jahn: “Napoleon war arg,
aber die Roten sind ärger..”

 

Damit keine Mißverständnisse
aufkommen: die Burschenschaften waren eine wesentlich treibende Kraft im Kampf
gegen die feudalen Lasten, bei der Emanzipation des Bürgertums im Vormärz.
Und viele Burschenschafter spielten dann in der Formierung zur 48er Revolution
eine entscheidende Rolle. Intellektuelle, Rechtsanwälte, Journalisten,
Schriftsteller ja sogar Pfarrer waren diejenigen, die den Revolten, Aufständen,
Krawallen ihr theoretisches Rüstzeug geben, Ziele und Forderungen generalisieren
und formulieren konnten. Die 48re Revolution wäre ohne sie nicht möglich
gewesen, zumindest aber so zusammengebrochen, wie die 1817er Hungerrevolten
in der Provinz Hanau oder die Oberhessischen Bauernaufstände von 1830.

 

Wie weit diese Burschenschafter
sich von Jahn und seiner konstitutionellen Monarchie entfernt hatten, läßt
sich an einigen Strophen des rund 30 Verse umfassenden 48er Volkschlagers “Fürsten
zum Land hinaus” gut belegen. Er entstand ca.1830 und wurde auch beim Hambacher
Fest schon gesungen. Der Burschenschafter und Freicorpsler Fritz Reuter wurde
in Jena wegen öffentlichem Absingens dieses Liedes (nach dem Putschversuch
Frankfurter Burschenschafter an der Hauptwache) verhaftet und in Festungshaft
genommen.

 

 

Fürsten
zum Land hinaus,

jetzt kommt der Völker(!)schmaus

Raus!

Erst
hängt den Kaiser Franz, (von Österreich)

dann den im Siegerkranz

auf!

Wilhelm
liebt Bürgermord

mit ihm aus Preußen fort

Schlagt den Hund (! Mein lieber Jahn! d.Verf.)

Der
schönste Schwabenstreich

ist: Wilhelm aus dem Reich


Hinaus!

Zierlicher
Kurfürstsohn (gemeint ist der Wittelsbacher in Bayern)

dein Stündlein läutet schon

Bim bam!

Jagt
den vermeintlichen

Bürgerlich freundlichen


Weg!

Odenwald
schleif die Sens,


Zieh’ in die Residenz


Reuß, Schleiz, Greiz, Lobenstein


jagt in ein Mausloch rein

Lippe ist viel zu klein


kann nicht besungen sein.

Die
freien Städte auch

sind nichts als Bäckerrauch

Haha!

Metternich,
marsch mit dir (Österreichs Kanzler-Fürst)

Rothschild und Staatspapier

Hepp!

Dem
deutschen Bundestag

werft faule Eier nach!

Kikeriki!

Auch
dem Reichs-Johannlein (der 1848 gegen die Stimmen von 112 Linken von der Paulskirchenmehrheit
zum Reichsverweser gewählte Erzherzog Johann von Österreich)

schlagt gleich die Rippen ein!

Drauf!

Nun
ist im Lande Raum!

Pflanzet den Freiheitsbaum!

Hoch! (Das Pflanzen von Freiheitsbäumen, die mit einer Jakobinermütze
geschmückt wurden, war ein weitverbreiteter symbolischer Akt der französischen
Revolution)

 

(Wolfgang Steinitz,
Deutsche Volkslieder…,Berlin 1955/62)

 

Nicht alle Strophen
des Liedes stammen von 1830, es wurde bis 1848 immer wieder ergänzt und
aktualisiert.

 

Die Burschenschaften
haben sich jedoch in der überwiegenden Mehrheit spätestens nach 1848
auf die Seite der deutsch-nationalen Reaktion geschlagen.

 

Die Turner, die
sich bereits um 1830 mehrheitlich aus kleinen Handwerkern, Gesellen und Arbeitern
zusammensetzten hatten sich von Jahns Positionen wegentwickelt. Jahn war für
die deutsche Einheit mit einer höchstens konstitutionellen Verfassung unter
Ausschluß des Wahlrechts für den vierten Stand. Die Arbeiter sollten
nichts zu sagen haben.

 

Während sich
die Mehrheit der Turner schon für gleiche Rechte einsetzte, für Völkerverbrüderung
und politische Flüchtlinge, wollte Jahn nur die allgemeine Volksbewaffnung
und die Turnerei, um der Einigung Deutschlands unter preußischer Führung
mehr Schlagkraft zu verleihen. Doch damit nicht genug. Jahn wollte die “Deutschheit
mehren”, unter Hohenzollerns Schwingen deutsche Expansion ermöglichen.

 

Dem Volksaufstand
in Schleswig-Hollstein fiel er mit seiner Zustimmung zum Waffenstillstand von
Malmö in den Rücken. Das Paulskirchenparlament hatte dem Waffenstillstand
zugestimmt, um es den preußischen Truppen zu ermöglichen, sich zu
formieren und die preußische Herrschaft im Norden Deutschlands zu stabilisieren.
Die Aufständigen hatten sich nicht vom Joch des dänischen Königshauses
befreit, um sich anschließend dem preußischen zu unterwerfen. Zum
Kampf der Schleswig-Hollsteiner gegen dänische und preußische Unterdrückung
schreibt Jahn in seiner “Schwanenrede” gegen die “rotschwärmenden
Hanauer”, die “Deutschlands Ehre .. an alle Völker verkuppeln..”:

“Darum die Wuth gegen Truppen in einer Reichsfeste, die gutwillig die Tore
nicht öffnen. Darum Neckerei, Spott, Hohn bis zu Mord gesteigert, um die
Verlegung der (preußischen d.Verf.) Reichsschirmer zu erlangen, und beim
Wechsel andere zu bekommen, mit denen man hoffte, leichter fertig zu werden.

Darum die Wuth über den Waffenstillstand von Malmö. Der gesamte kriegerische
Norden von Deutschland konnte sich während des Waffenstillstandes erholen,
kräftigen und verfassungsmäßig begründen. Er ward rückenfrei,
und ward in den Stand gesetzt, noch anderen Weltgegenden die Stirn zu bieten.
Das war ein Wetterschlag aus lichter Wolke. Und so entschloß sich die
Verschwörung gegen Deutschlands Einheit zum übereilten blutigen Aufruhr.”

(Schwanenrede von Friedrich Ludwig Jahn, Frankfurt/M 1848)

 

Mit Deutschland
meint Jahn die preußische Oberherrschaft, die sich für Schleswig-Holsteiner
nicht anders auswirkt als für die Schwaben, die Rheinhessen, die Hessen
und die Badener:

 

 

“Schlaf
mein Kind schlaf leis,

dort draußen geht der Preuß,

zu Rastatt auf der Schanz

da spielt er auf zum Tanz

da spielt er auf mit Pulver und Blei,

so macht er alle Badener frei….”

(Badisches Wiegenlied,1849)

 

Während sich
die Hanauer Turner mit den Flüchtlingen des polnischen Aufstandes von 1832
verbrüdern und unter Strafandrohung polnische Freiheitslieder singen, unterstützt
“Turnvater Jahn” die vordringenden preußischen Truppen, die
in Konkurrenz zum russischen Unterdrücker sich polnische Gebiete endgültig
einverleiben und die österreichische Konkurrenz aus dem Rennen schlagen
wollen. Diese Angelegenheit bereinigt Preußen dann keine 20 Jahre später
im Krieg gegen Österreich.

 

 

Österreich
ist Jahn äußerst zu wider. Bei der Führung des ihm vorschwebenden
neuen deutschen Staates schied Östereich für Jahn aus, weil es ein
“zu großer Völkermang” sei.

 

Welcher “noch
anderen Weltgegend” wollte Jahn Preußen “die Stirn bieten”
lassen? Polen ist geteilt und abgehakt. Bleibt das Elsaß. Das kommt 70/71
dran und darf dann das französische gegen das preußische Joch tauschen.
Vielleicht noch Tirol: “zu Mantua in Banden…Jan Hofer.. ” singen
die deutschnationalen Jahn-Jünger noch bis ins dritte Reich. Ob die Tiroler
unter preußischen Fittichen so sprichwörtlich “lustig und froh”
werden wollten?

 

Jahn war bereits
im Lützow’schen Freicorps bei den Befreiungskriegen und der Völkerschlacht
treibende Kraft.

Und seine Befreiungsvorstellungen schwingen immer dann noch mit, wenn Einheiten
der Reichswehr im ersten wie im zweiten Weltkrieg


noch ganz “anderen Weltgegenden” als Jahn sie sich erträumte
“die Stirn ” boten und mit Granatendonner schmetterten: “Das
war Lützows wilde verwegene Jagdt…”. Ein Lied, das noch bis in die
fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts zum Volksliedrepertoire eines gut deutschnationalen
Haushalts gehörte.

Genauso wie das Lied des anfänglichen Jahn-Bewunderers Blücher: “Warte
nur Napoleon, wie wirds dir ergehen , siehst du nicht bei Mars-Latour die Kolonnen
stehen!” Vorwärtsverteidigung wird so was heute genannt.

 

Welche gewaltigen
Ausmaße der Jahn-Wahn von der “Mehrung der Deutschheit” annahm,
zeigt die 1914(!) erschienene 5.Auflage der populären “Geschichte
des Mittelalters und der Neuzeit” des Münchner Gymnasialdirektors
Hermann Stöckel und Dr. Karl Lory.

Beide schreiben am Vorabend des ersten Weltkrieges über die Stimmung vor
dem deutsch-französischen Krieg in Frankreich:

“Man hatte sich in Frankreich daran gewöhnt im Widerspruch mit den
Jahrhunderte alten Sprachgrenzen den Rhein als die natürliche, Frankreich
von Rechts wegen zukommende Grenze zu betrachten und sich zu lange mit dem Gedanken
geschmeichelt, daß Frankreich eine Art Schiedsrichteramt in Europa gebühre…”
Da ist er, der Erbfeind, der die gute Kohl’sche Deutsche Mark in den eurofranzösischen
“ecu” verschandeln wollte, Kohl hat die Franzosen auf die Plätze
verwiesen und dagegen den eurodeutschen “Euro” kreiert! “Warte
nur Monsieur Jospin, wie wirds dir ergehen, denn nach Maastricht wird sich’s
nur um deutsche Euros drehen..,

siehst du nicht in Frankfurt/Main, die Zentralbank stehen.?”

Es geht 1870 wie 1914 um “die vitalen Interessen Deutschlands”, um
die “Einigung aller deutschen Stämme”, um die Arondierung des
Standorts Deuschland. Die Münchner Volkserzieher schreiben weiter: “Die
deutsch-französische Sprachgrenze verläuft, wenn man das Flämische
als plattdeutsche Mundart zum Deutschen, das Wallonische zum Französischen
zählt, von Dünkirchen bis Eupen in westlicher Richtung, so daß
es das Schlachtfeld von Waterloo schneidet, biegt dann nach Süden um und
folgt im allgemeinen der Westgrenze der preußischen Rheinprovinz und des
Großherzogtums Luxemburg, zieht darauf nach Südosten, so daß
sie die Mosel zwischen Diedenhofen und Metz überschreitet und etwa bei
den Quellen der Saar die Vogesen erreicht, mit deren Kamm sie dann nach Süden
zieht. Nachdem sie über die burgundische Pforte gezogen, übersteigt
sie den Schweizer Jura, geht zwischen Biehler und Neuenburger See nach Süden,
lehnt sich an die Saane (Freiburg/Schweiz), schneidet die oberste Rhone und
den Kanton Wallis und kommt am Monte Rosa an, dem südlichsten Punkt des
zusammenhängenden deutschen Sprachgebiets, an dessen Südfuß
deutschsprechende Dörfer mit französischen zum Königreich Italien
gehören. Daß schon um Christi Geburt das linke Rheinufer von Germanen
bewohnt war, bezeugen die römischen Provinzialnamen: Germania superior
und inferior.”

Mal abgesehen davon, daß zu beiden Seiten des Rheins damals keltische
Stämme siedelten und “die Germanen” eine römische Erfindung
sind, kann dieser giftige Bockmist nur noch durch die Ideologie der Nazis übertroffen
werden.

Das Rüstzeug zum ersten und zum zweiten Weltkrieg stammte zu einem beträchtlichen
Teil auch aus Jahns deutschheits-volkstümlichem Turnkasten.

 

An der Oberfläche
waren sie sich gleich, “Turnvater” Jahn und Hanaus jetzt gefeierter
Turner-Revolutionär, August Schärttner.


Beide wollten die Einheit Deutschlands, beide wollten die Volksbewaffnung, beide
waren für das politische Turnen, beide waren für die Auflösung
des stehenden Heeres, des Söldner Heeres.


Beim Turnertag am 12. April 1848 rief Jahn den in Hanau versammelten Turnern
zu: “Soldaten, ein ungereimter Name. Sie tun für ihren Sold wenig
Taten und bekommen für ihre Taten wenig Sold. Wir wollen dafür in
unseren Banner setzen: Wehrlos, ehrlos.” (Hanauer Zeitung, Nr. 104, 1848)
Und der Frankfurter Jahn-Jünger Ravenstein schrieb im “Turner”
am 1. Juni 1848: ..wenn das Vaterland ruft, dann wird keine Macht der Erde die
Turner verhindern, sich in die Reihen des Volksheeres zu stellen.”

Jahn und seine Jünger wollten die gestählten Turner-Leiber als Bollwerk
und Fußtruppe des preußisch-deutschen Bundes gegen “ausländische”
Unterdrücker, letztlich als Kanonenfutter für preußisch-deutsche
Expansion, für die Kanonen der Hoflieferanten des preußischen Königs:
Borsig, Krupp, Krauss-Maffei, von Arnimsche Hüttenverwaltung, Hoesch, Kühlmann-Stumm
(damals nur Gebrüder Stumm) Henschel (Kassel), Buderus’sche Eisenwerke
Wetzlar, die Vorläufer von Hanomag und MAN. Die bauten nicht nur Lokomotiven
und gossen nicht nur List’sche Schienenstränge. Die Vormärz-Schwärmerei
in den romantischen Zirkeln derer von Savigny, von Brentano, von Arnim, Buderus
von Carlshausen im Hof Trages fanden am Wochenende, an Feierabend statt. Unter
der Woche wurden Kanonen verkauft, die stehenden Heere aller deutschen Fürstenhäuser
aufgerüstet.

 

Aber der Zug zur
deutschen Einheit der Herren Jahn und Kollegen war auch direkt gegen die 48er
Revolution gerichtet, gegen das Volk: Friedrich List bedauert bereits 1846,
daß die Bedeutung des Eisenbahntransportes von den Militärs nicht
ausreichend erkannt wird, doch erfolgt zwei Jahre später bei den Militärs
ein Umdenken. Auslösendes Element waren dabei die 48er Revolution und die
in diesem Zusammenhang durchgeführten Truppentransporte zur Niederschlagung
der Aufstände. (Zeit der Züge Bd. 1. Deutsche Eisenbahn 1835-1985,
s. 198) Neben dem Waren- und Rohstofftransport, neben der Mobilisierung billigster
Arbeitskräfte, lassen sich hervorragend Militär und Polizeitruppen
gegen rebellierende Gesellen und Arbeiter transportieren. Welch herrliche Gelegenheit
damit auch “anderen Weltgegenden die Stirn zu bieten”!

Die bürgerlichen Kapitalstrategen hatten auch als Militärstrategen
längst den Bund mit den Fürsten geschlossen.


Schärttners Forderung nach einer Verfassung für eine “soziale
Republik” stand im krassen Gegensatz zu Jahns Verfassung für eine
konstitutionelle Monarchie.


Jahns Vorstellung vom “Volksheer” war nützlich für den Kampf
gegen Napoleon. Sein Einheitsstreben zielte ab auf eine preußische Militäreinheit
Deutschlands. Er hat aber mit seinem Einsatz Geister geweckt, die er nicht mehr
einfangen konnte.


Die allgemeine Volksbewaffnung, die Turnerwehren, die Bürgerwehren sollten
Mittel zur Aufrechterhaltung der alten Ordnung und Gewähr dafür sein,
daß bei Reformen der alten Ordnung das Volk nicht aus dem Ruder läuft.
Wie sich am Beispiel Hanau zeigte, war das für die Fürstenherrschaft
ein riskantes Spiel. Selbst die so zuverlässige (Besitz-)”Bürgergarde”
lief in Waffen zu den Revolutionären über.

 

Die “Allgemeine
Wehrpflicht” und die Auflösung der stehenden (Berufs-) Heere war 1848
eine zentrale Forderung. Warum heute nicht wenige Linke und Grüne dem Berufsheer
das Wort reden und eine Abschaffung der “Wehrpflicht” fordern, stimmt
zumindest nachdenklich, denn ein von unsicheren Kandidaten befreites Berufskillerheer
läßt sich sicher lenkbar (und vom Parlament nicht mehr kontrollierbar)
gut im Inneren und “an anderen Weltgegenden” (Jahn) für Kapitalinteressen
einsetzen. Nicht umsonst haben die USA nach dem Vietnam-Desaster die Wehrpflicht
abgeschafft und konnten danach relativ reibungslos in Grenada operieren, den
Golfkrieg organisieren usw……..mit einfachen GI’s, mit Wehrpflichtigen wäre
das nicht so glatt über die Bühne gelaufen. Man kann von den 48ern
heute noch lernen.

 

 

Jahn saß von
1819 bis 1825 als verfolgter “Demagoge” in Spandau, Küstrin und
Kolberg in Festungshaft. Nach den Karlsbader Beschlüssen wurde er auf Drängen
des österreichischen Kanzlers Metternich festgenommen, weil er nach einem
Bericht der Bundestagskommission “die höchst gefährliche Lehre
von der Einheit Deutschlands” aufgebracht hatte. (Geschichte des Mittelalters
und der Neuzeit, München 1914) bereits 1840 erhielt Jahn aber schon wieder
das “Eiserne Kreuz” für seinen Einsatz im Lützow’schen Freicorps
und für seine Beiträge zur “sittlichen Wiedergeburt” des
deutschen Volkes.

Er hatte Scharnhorst, Gneisenau politisch dabei unterstützt, das Vorrecht
des Adels auf den Offiziersstand zu brechen und so den Bürgerlichen Zugang
zum Offizierscorps zu verschaffen. Ebenfalls hatte er die Einführung der
allgemeinen Wehrpflicht in Preußen durch Scharnhorst publizistisch gefördert,
“wodurch wieder wie im germanischen Altertum Volk und Heer eins wurden.”
(Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit, München 1914 (!))

Und wie sie eins wurden!

 

Schlaf
mein Kind Schlaf leis,

dort draußen zieht der Preuß’,

wir alle sollen stille sein,

als wie dein Vater unterm Stein,

doch wo dein Vater liegt mein Schatz,

da hat noch mancher Preuße Platz,

schrei mein Kindlein schrei’s,

dort draußen liegt der Preuß.

(Badisches Wiegenlied,
1849)

 

Jahns Freund, Mithäftling
und späterer Parlamentskollege Ernst Moritz Arndt schrieb 1825: ”
Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze”,

Ein weiterer Jahn-Freund und Paulskirchen-Parlamentskollege, Wilhelm Jordan,
schreibt 1870 am Vorabend des deutsch-französischen Krieges: “Nun
seid bereit mit Gut und Blut”, Freiligrath läßt seinen Gedanken
frei und jubelt “Hurra, Germania”, (“Die Gedanken sind frei …
” stammt nicht von Freiligrath sondern von einem unbekannten Verfasser
und aus der von Arnim’schen Sammlung aus den Jahren um 1800. (Steinitz, II/S.164)
- nachträglich, der Autor) . Emanuel Geibel ganz im Sinne der Jahnschen
Volksbewaffnung: “Empor mein Volk, das Schwert zur Hand!” Jahn Franzosenhaß
wirkt bis 1870, bis 1914, bis 1933,39….

 


Daß es Jahn und Kollegen nicht nur um die linksrheinische “Weltgegend”
ging sondern auch um die weiter östlich gelegene, bringt Jahn-Freund Wilhelm
Jordan “in einer mächtigen Rede vor dem Frankfurter Nationalparlament
dem deutschen Volke … zum Bewußtsein, das eigene Volkstum nicht hinter
fremdes zurückzusetzen. Er verteidigte (1848!) die Teilung Polens als eine
harte aber notwendige Maßregel und erklärte: ‘Hat der Deutsche die
Wälder gelichtet, die Sümpfe getrocknet, den Boden urbar gemacht,
Straßen und Kanäle angelegt, Dörfer gebaut und Städte gegründet,
um den Epigonen des exilierten hundertköpfigen polnischen Despotentums
neue Schmarotzernester zu bauen? … Freiheit für alle, aber des Vaterlands
Kraft und Wohlfahrt über alles!” (Geschichte des Mittelalters und
der Neuzeit)

Freiligraths “Deutschland, Deutschland, über alles” läßt
sich dann im Anschluß gut singen, besonders, wenn man weiß, daß
er den Feldzug gegen Frankreich 1870 im hohen Alter freudig begrüßte.
(“Deutschland, Deutschland…..” stammt auch nicht von Freiligrath
sondern von Hofmann von Fallersleben. Peinlich, peinlich! In soweit muss ich
mich bei Freiligrath entschuldigen, aber nichtsdestotrotzalledem hat er den
deutsch/französischen Krieg 1870/71 begrüßt. – der Autor)

Daß nach dem zweiten Weltkrieg das Singen dieser Strophe des “Deutschlandliedes”
verboten wurde, hat seinen guten Grund.

 

Preußen hatte
im Mai 1848 den Aufstand der Polen in der Provinz Posen niedergeworfen. Die
Hanauer Turner und mit ihnen die Mehrheit der Bevölkerung stand auf der
Seite der Aufständischen., nahm die politischen Flüchtlinge auf und
unterstützte den polnischen Widerstand. Der Anführer des polnischen
Aufstandes, General Mieroslawski und viele andere polnische Freiheitskämpfer
unterstützten ihrerseits die demokratische Revolution in Deutschland, nachdem
sie vor den Preußen aus Polen flüchten mußten. Mieroslawski
kommandierte die Revolutionstruppen in Baden. August Schärttner arbeitete
als Oberkommandierender der Hanauer Turnerkompanien eng mit Mieroslawski zusammen,
sein Adjutant Wojnicky war polnischer Offizier. Die Hanauer waren Teil der 4.
Division des Revolutionsheeres unter dem Kommando der polnischen Obersten Oborski
und Emil Bednarczyk.

 

Angesichts solcher
Völkerverbrüderung mußte “seiner” Turner mußte
Jahn vor Wut schäumen.

 

Jahn stieg auf in
den preußisch-deutsch-nationalen Wallhall.

 

August Schärttner
starb in London im Exil. Er war Asylbewerber,

wie Tausende seiner Landsleute und viele Hunderttausende, die in diesen Jahren
in Paris, London, USA, Australien, in der Schweiz, entweder als politisch Verfolgte
unterkamen oder als Wirtschaftsasylanten leben mußten und durften.

1860 gab es allein in Paris bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 300.000
ca. 90.000 Deutsche mit eigenen Vereinen, eigener Presse, eigenen Zentren. In
London sah es nicht viel anders aus und keine Partei schrie gegen eine mögliche
“Überdeutschung”.

 

Und jetzt zu den
aktuellen Straßenkämpfen in Hanau 1998.

 

Na endlich! Wurde
auch Zeit!

 

Bei den 98er Straßenkämpfen
handelt es sich leider oder glücklicherweise nicht um Kämpfe, wie
beim Frankfurter Aufstand 1848 oder bei den Zollunruhen 1830 in Hanau. Damals
wurde unter Teilnahme vielen Volks um soziale, politische Forderungen gekämpft,
mit Argumenten und letztlich auch mit Waffen in den Straßen, auf den Straßen
und auch um die Straßen.


Die Kämpfe heute finden dagegen meist in den Vorständen verschiedener
Institutionen und Vereinigungen unter Ausschluß oder Desinteresse vielen
Volks statt. In Vorstandsbüros, Ausschüssen und manchmal sogar im
Plenum der Stadtverordnetenversammlung. Die eine oder andere Redaktionsstube
ist gelegentlich auch Schauplatz dieser Straßenkämpfe. Die BündnisGrünen
haben die Umbenennung des Carl-Diem-Weges in Bergmann-Weg gefordert, worauf
sich der Vorstand der Hanauer Turngemeinde von 1837 nicht einlassen wollte.

Der Weg sollte doch lieber Carl-Diem-Weg bleiben. Auch die konservative Mehrheit
im Stadtparlament konnte zunächst nichts sonderlich Schlimmes an diesem
Namen finden (Wie denn auch?).

Man hat natürlich nichts gegen die jüdische Sportlerin Bergmann, die
1936 wegen ihrer Abstammung nicht an den Olympischen-Nazi-Propaganda-Spielen
teilnehmen durfte. (Wobei Herr Diem mit Sicherheit auch die Finger im Spiel
hatte.)

Aber von den Hanauer Turnern und Sportlern kennt sie keiner.

Sie kommt noch nicht mal aus Hanau.

 

 

Stellt sich die
Frage, ob nicht die HTG einen von den Nazis verfolgten jüdischen Turner
aus ihren Riegen hätte vorschlagen können.

Oder gab es vielleicht bereits 1933 oder davor schon keine jüdischen Mitglieder
in der Hanauer Turngemeinde.

Möglich wäre es schon.

Daß sich die HTG in ihrer Tradition seit 1871 auf den “Deutschheitsmehrer”
und “Deutschvolkstümler” Jahn und nicht auf August Schärttner
beruft, läßt sich zumindest an der Namensgebung für ihre Turnhalle
und die dazugehörige Straße belegen: für beide wurde “Turnvater”
Jahn der Namenspatron, einer, den die Turner 1848 aus ihrem “rotschwärmenden
Hanau” hinausgejagt hatten. Wie weit die Turner 1870 zu Kreuze gekrochen
und unter der preußischen Pickelhaube gelandet waren, läßt
sich aus der Begründung des Gnadenerlasses schließen, mit dem der
König von Preußen am 3. August 1870 alle Strafen gegen die Turner
erließ: “aus Anlaß der patriotischen Einmütigkeit, mit
welcher Unser Volk sich zu dem Uns jetzt aufgedrungenen Kampfe erhoben hat.”
(Hanauer Turnerwehr, Karl Geisel, in Hanauer Geschichtsblätter Bd 25, 1975)
“Frisch, fromm, fröhlich, frei” war die Jahn’sche Turnerei 70/71
mit dabei gegen Frankreich, tollkühn wie Blücher, hart wie Kruppstahl
1914 und 1939.

 

Angesichts der drohenden
Revolutionsfeiern und der nahenden Landesgartenschau, angesichts der immer breiter
publik werdenden Fakten über den Nazi-Turnvater Diem, schlägt die
Stadt jetzt einen Kompromisskandidaten vor: den revolutionären Silberschmied
und Turner August Schleissner aus Hanau, Leutnant der Turnerwehr und mit August
Schärttner im Hanauer Turnerprozeß zu langjähriger Zuchthausstrafe
verurteilt.

 

Man kann die Tage
zählen, bis der städtische CDU Vorturner Frodl, die Republikanerfraktion
oder die Bürger für Hanau als Rache für diese fast verlorene
Straßenschlacht die Umbenennung der Karl-Marx- und der Friedrich-Engels-Straße
fordern: zum Ausgleich für die Friedrich-Ebert Anlage eine Hindenburg-Straße
und als Ergänzung zur Adenauer-Straße eine Ludwig-Erhardt-Allee.
Im Lamboy-Tümpelgarten würde das ein Zeichen für den Aufschwung
Hanau Nord-Ost setzen. Als Kompromiss käme ein Ernst-Jünger-Weg in
Frage.

 

Gäbe es in
Hanau nicht schon eine Jahnhalle, müßte die Stadtverordnetenfraktion
der CDU schleunigst die Umbenennung der Schärttner-Halle in “Jahn-Halle”
beantragen.

Gäbe es nicht schon eine Jahnstraße in Hanau, machte es Sinn die
August Schärttner-Straße in Jahn-Straße umzutaufen. Denn diese
Straße führt uns so sicher zum Carl-Diem-Weg, wie uns Jahn zu Carl
Diem und seinen Führer geführt hat.

 

Daß sich die
“Republikaner” Hanau im 150 Jubeljahr des ersten deutschen Turnertages
noch unter der geistigen Oberherrschaft des Demokratenhassers Jahn als Austragungsort
ihres Landesparteitages ausgesucht haben, macht Sinn.

Ihr rassistisches, nationalistisches, faschistisches Giftgebräu ist der
in Gährung geratene Rest der Jahn’schen Früchte, aus denen die Großmachtträume
Wilhelms des zweiten und Adolf Hitlers ihren Saft und das Jungvolk zum Volkssturm
gezogen haben. Unter dem Segen von Turnvater Carl Diem.

 

Pech für die
Oberbürgermeisterin von Hanau, daß Jahn kein Hanauer war. So muß
sie jetzt notgedrungen einen Revolutionär und zudem noch ein Mitglied des
Bundes der Kommunisten feiern. Letzteres wird sie wohlweislich versuchen zu
verschweigen.

 

Warum sie keinen
Versuch machte, den Landesparteitag der Republikaner in Hanau zu verhindern,
könnte man aus der hier aufgezeigten Ideengeschichte von Jahn bis Diem
unschwer entnehmen.

 

PS. Wie lautete
ein sehr populär gewordenes Turnerlied des Mannheimer Studenten Karl Blind
“Wir sind nicht die Helden von “altem Schrot”, die da hassen
den “Welschen” und “Franzen”, um feig nach dem launischen
Machtgebot von frechen Tyrannen zu tanzen.” Das ging direkt gegen den “Turn-Übervater”
Jahn, gegen den Kartätschen-Prinz Wilhelm von Preußen

 

Wie Turner zum Teil
sehr erfrischend pragmatisch mit den “Nationalfarben” umgingen zeigte
sich beim Frankfurter Aufstand:

“Die Bockenheimer Turner wurden aufgefordert sich Gewehre zuzulegen, statt
einer Fahne. Wenn es erst einmal zum Kampf komme, dann sein ein Fetzen rotes
Tuch an einer Stange genug.” (Hannes Neumann, Beiträge zur Lehre und
Forschung der Leibeserziehung Band 32, Die deutsche Turnbewegung in der Revolution
1848/49.., Schorndorf, 1968).

 

Einfach
schön.

Nicht Schwarz,

nicht Gold,

aber Rot

sollte das Tuch sein.

(Was noch fehlt,
ist die Antwort der Hanauer auf Jahns “Schwanenrede” aus der “Hanauer
Zeitung” von 10. Oktober 48 oder 49.)